Mein Schweigen, liebe Alice
Liebe Alice,
Mein erster Brief war, zugegebenermassen, ein unbeholfener Versuch, mein langes Schweigen zu brechen. Deine Antwort auf meine erste, zaghafte Kontaktaufnahme nach so vielen Jahren, hat mich dann doch etwas erstaunt. Dass Du so heftig auf meine Bitte um Verzeihung reagierst, hat mich fragen lassen, ob ich den Brief tatsächlich auch an die intendierte Alice adressiert hatte und nicht etwa an die erste Alice meines Lebens, deren Gesicht sich anklagend immer wieder in den Gerichtssaal meiner Träume drängt.
So gerechtfertigt Alicens Anschuldigungen gegen mich auch sein mögen - Du hast immer grossherzig über meine Schwächen und Mängel hinweggesehen und (hätte der Brief Dich und nicht Alice erreicht) hättest mich sicherlich gefragt: Wofür sollte ich dir verzeihen?
Insgeheim hatte ich natürlich gehofft, dass Du diese Frage stellst, denn sie gibt mir Anlass, weit auszuholen. So viel ist zwischen uns geschehen, seit wir uns das letzte Mal gegenübersassen und Du mir sagtest, es sei aus zwischen uns, unsere Beziehung am Ende, weil Du am Ende warst. Ich habe es damals nicht begriffen, danach auch nie verstanden. Gelegentlich habe ich mich zwar damit abgefunden - aber wirklich nachvollziehen konnte ich Deine Entscheidung nie. Wie hätte ich auch - denn erst heute weiss ich: Dich hat es wirklich gegeben.
Ich habe versagt, weil ich während all den Jahren, die wir miteinander teilten, immer davon ausgegangen war, dass Du nicht mehr warst als das Bild, das ich mir von Alice machte.
Sollte dieser Brief wirklich in die beabsichtigten Hände - Deine Hände - fallen, wirst Du verstehen, was ich damit meine. Du hast - jetzt erst erinnere ich mich - immer wieder versucht, mir genau das zu erklären. Ein Bild lässt sich retuschieren, ein Mensch nicht.
Das wirft eine Menge Fragen auf. Ich werde sie alle beantworten, sofern Du sie stellen magst.
Dein
M.
am 28.08.2007
“Ich habe versagt, weil ich während all den Jahren, die wir miteinander teilten, immer davon ausgegangen war, dass Du nicht mehr warst als das Bild, das ich mir von Alice machte.”
Viel zu oft macht man sich ein falsches Bild von den Menschen. Das erlebe ich immer wieder. Ich wundere mich oft wie unterschiedlich mich die Menschen betrachten… sogar jene, die mir ganz nahe sind. Verschiedene Menschen würden mich alle wohl komplett unterschiedlich beschreiben.
Es gibt nur wenige, die die Menschen anschauen und wirken lassen und sich dann erst ein “Bild” machen.
ksklein am 28.08.2007 um 19:47
schöne briefe übrigens. :)
ksklein am 28.08.2007 um 19:48
@ksklein: der haken, und darauf wird M. noch zu sprechen kommen, liegt doch darin: dass wir gar nicht anders können, als uns ein bild von anderen zu machen. die frage ist, wie wir damit umgehen. M. wählte einen sehr eigenwilligen weg, der durchaus interessante ansätze aufwies, aber dann doch scheitern musste. ich hoffe, den entsprechenden brief bald publizieren zu können. doch alles der reihe nach.
Markus am 29.08.2007 um 05:23
natürlich macht man sich von jedem menschen ein bild. allerdings ist es manchmal tragisch wie sehr sich das bild (wegen der unterschiedlichen assoziationen) von der “echten” person unterscheidet… nur wegen irgend einer kleinigkeit stecken wir die menschen in schubladen, die manchmal völlig falsch sind.
bin gespannt auf die weiteren briefe.
ksklein am 29.08.2007 um 06:20
@ksklein: ein einfall gerade: solange man das bild, das man sich von anderen macht, als skizze, als unfertiges kunstwerk betrachtet, solange es also auf der staffelei steht, besteht auch nicht die gefahr, dass es in einer schublade verschwindet.
Markus am 29.08.2007 um 06:33
ein schöner vergleich. aber ich denke, die meisten menschen sind da viel zu gedankenlos und uninteressiert und gestresst um andere genauer zu betrachten.
ksklein am 29.08.2007 um 06:40
... dann aber bitte für das auf der staffelei entstehende bild acrylfarbe verwenden, sie ist wasserlöslich, man kann sie wieder abwaschen und das bild neu malen. :-)
ich finde es übrigens garnicht so schwer, einen menschen einfach nur zu sehen. wenn man sich über die eigene bewertung innerhalb der eigenen subjektivität im klaren ist, weiß man, dass man sich den menschen selbst erschafft. sich zu bemühen, einen menschen nicht bewertend sehen zu wollen, gibt ihm die chance, so sein und bleiben zu können, wie er ist und gibt dem zwischen zwischen beiden raum.
wenn man sich ein bild vom anderen menschen machen möchte, sich eben immer darüber im klaren sein, dass es selbst gemalt ist. :-)
Sylvia-Maria am 31.08.2007 um 12:30
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