Mandrake Transit
Als ich im Oktober 1990 überstürzt meinen Koffer packte und wenige Tage nach meinem Entscheid, in die Schweiz zu flüchten, ein Taxi rief, das mich zum Internationalen Flughafen von São Paulo fuhr (lag damals etwas ausserhalb der Stadt, eine gute Stunde Fahrt war’s von meiner Bleibe neben der Rennstrecke von Interlagos bis zum überstürzten Abschied), lag im Kofferraum, neben dem Koffer mit meinen wenigen Habseligkeiten - einige Kleider, meine liebsten Bücher - auch eine Schachtel. Eine Kiste eher, denn sie war aus Aluminium und der Deckel mit einem Gummi wasserverdichtet. So schwer, dass ich von Glück reden konnte, als ich das Ding auf die Waage legte und dennoch keine Strafgebühr fürs Übergewicht zahlen musste. In der Kiste lag der Grund für meine Hals-über-Kopf-Aktion, die Ursache der Bredouille, in die ich geraten war: Mandrake, eben jener Anwalt, der mich in die gefährlichen Zirkel der brasilianischen Oberschicht eingeführt, mich dort als seinen Freund bekannt gemacht und mich so mit in den Schlamassel gezogen hatte, als er zu seinem Rundumschlag gegen die Snobilität São Paulos ausholte.
Literatur ist ein mächtiges Instrument, wenn es darum geht, es sich mit allen zu verscherzen, die die Möglichkeit besitzen, einem an den Kragen zu gehen.
Ich musste meine Haut retten und deshalb auch den mitnehmen, der mich früher oder später auch an meine Verfolger verraten hätte. Sorgsam (nicht behutsam, wohlgemerkt) zusammengefaltet lag Mandrake in der Kiste. Erleichtert atmete ich auf, als die Kiste vom Förderband erfasst wurde und aus meinem Blickfeld verschwand. Erst in Zürich würde ich sie wiedersehen.
Während den 17 Jahren, die ich in der Schweiz verbrachte, habe ich die Kiste selten geöffnet. Kaum zu Gesicht bekommen, denn im Keller war sie bestens verwahrt. Erst vor wenigen Wochen, als es darum ging, zu entscheiden, was mit nach Brasilien kommt und was in der Müllhalde landet, habe ich sie wieder und da nur kurz geöffnet.
Einen Menschen wirft man nicht in den Abfall, meinte meine Frau. Sie scheint das Potential einer Geschichte zu erkennen, noch bevor ich sie zuende gedacht habe. Und, fügte sie hinzu, kehren wir ja nicht nach São Paulo zurück. Wer weiss, sind wir mal ganz froh, einen Anwalt im Haus zu haben.
Du kennst ihn nicht, meinte ich und hob eine Augenbraue.
Mandrake stöhnte.