Luíz lacht nicht mehr (2)



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„Capri, Sommer 1959“, erklärt Rosa mit einer Stimme so leise wie ihre Bewegungen. „Vaters erstes Foto überhaupt. Für die Reise nach Italien hatte er extra die Kamera gekauft. Man sieht es an der noch ungeübten Belichtungszeit, an der nicht ideal gewählten Tiefenschärfe.“
Das Bild zeigt einen etwa zehnjährigen Knaben in den Wellen, wie er lachend in die Kamera schaut und dabei ein Mädchen unters Wasser drückt.
„Ihr Bruder?“ frage ich.
„Luíz“, nickt Rosa lächelnd, „und das prustende Fräulein da bin ich.“
Von Sandermanns Handschrift ist auf dem Foto noch nicht viel zu erkennen. Zu sehr schien er, da er es schoss, noch mit der Technik dieses ungewohnten Apparats beschäftigt, zu sehr noch…
„Schauen Sie sich dieses Bild genau an“, unterbricht Rosa meine Betrachtungen. „Sehen Sie sich dieses Bild genau an. So werden Sie meinen Bruder nie wieder sehen.“
„Es scheint mir ein ganz normales Urlaubsfoto zu sein, wie es mittlerweile in jedem Haushalt Dutzende davon gibt. Ich kann darauf nichts Aussergewöhnliches erkennen“, erwidere ich.
„Schauen Sie sich den Jungen genau an“, insistiert Rosa. „Merken Sie sich dieses lausbubenhafte Lachen.“
Auf dem zweiten Foto, geschossen in der Familienwohnung in Buenos Aires, wenige Monate später, lacht Luíz nicht mehr. Jetzt steht er zwischen Vater und Schwester, neben der Schwester lächelt die Mutter. Ich erkenne das Mobiliar wieder, das Wohnzimmer ist, so scheints, seit vierzig Jahren unverändert geblieben. Dasselbe Sofa, dieselben Sessel, selbst die Kissenbezüge sind noch dieselben.
„Luíz lacht nicht mehr, sehen Sie“, sagt Rosa.
„Es ist ein gestelltes Bild. Kinder hassen so was. Ich habe selbst zwei und weiss, wie schwierig es ist, glückliche Familienfotos zu schiessen“, wende ich ein.
„Das meinte ich nicht, Señor. Sehen Sie die rötliche, lichtreflektierende Schwellung an seinem linken Mundwinkel? Tagelang hatte Luíz sich zuvor nervös Spucke auf die Stelle geschmiert. Bis es Vater zu viel wurde und er ihm eine Ohrfeige verpasste.“


am 11.09.2008

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