Lieber Herrgottnochmal. (Skizze)
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die südatlantische Insel Ascension Knotenpunkt der weltweiten Kommunikation. Ein Telegraphenkabel, das London mit Kapstadt verbindet, geht in der Bucht Comfortless Cove kurz an Land, taucht dann Richtung Süden wieder in die Wellen. Eine Querverbindung nach Sierra Leone nimmt 1901 den Betrieb auf. Tiefseeleitungen nach Cabo Verde, Buenos Aires und Rio de Janeiro folgen. Die Botschaften tickern im Morsecode aus dem Telegrafen am Ende des einen Kabels, sie werden entschlüsselt, zur Eingabestation des gewünschten Kabelabzweigs getragen und dort per Hand wieder eingegeben. So kommen alle Nachrichten, die den Südatlantik überqueren, auf Ascension für einen Augenblick ans Tageslicht.*
Ich stelle mir den Telegraphen vor, dieses menschliche Relais, der die Telegramme am einen Ende des Kabels empfängt, notiert, hinüberrennt zum anderen Kabel, dort die Botschaft ins Morsegerät hineinklickt - eigentlich ist er dazu ausgebildet, von den Inhalten keine Kenntnis zu nehmen, sie einfach nur weiterzuleiten. Doch Ascension ist eine kleine Insel, er lebt da allein.
Nun schweben mir Geschichten vor über diesen Mann, der Nachrichten aus aller Welt erhält, sie aber nur weiterleiten, sie mit niemandem teilen darf, niemanden hat, mit dem er über sie diskutieren kann (nicht alle Nachrichten sind gut). Da liegt der Gedanke nahe, sich an einen Gesprächspartner zu wenden, der allgegenwärtig ist.
Gott und der Telegraph begegnen sich in einem Aspekt auf Augenhöhe: Beide sind allwissend. Aber Freunde können sie nicht werden. Denn der eine ist allmächtig, der andere völlig hilflos.
[*gefunden bei Spiegel Online. Der Titel des Artikels lautet “Das Empire hört mit”.]
am 22.02.2007
Als Notiz: eine ebenfalls wunderbare Geschichteninsel: Tristan da Cunha. Hier die offizielle Webseite ("herzig", wie man in der Schweiz sagt): “the world’s most isolated” liest man auf jeder Seite mindestens einmal in verschiedensten Zusammenhängen: the world’s most isolated settlement, the world’s most isolated Valentine’s Day dinner, the world’s most isolated international football match etc. Sucht man als Bibliophile nach tristensischer Literatur, findet man dies: “Rockhopper Copper: 1st book entirely written by Islander”.
Gemäss Wikipedia besteht die Bevölkerung aus acht Familien: den Green, Glass, Hagan, Lavarello, Pattison, Repetto, Rogers und Swain. Allein der Klang dieser Namen erzählt Geschichten für mehr als eine Nacht.
Ideensammler am 22.02.2007 um 06:41
wenn du das stichwort “telegraph” lieferst, muss ich wieder an dein qsl-projekt denken. was ist denn daraus geworden?
hab am 22.02.2007 um 13:09
oh oh, du holst da leichen aus dem keller… ist aber eine überlegung wert. muss drüber nachdenken. es waren ja hübsche übungen, diese textchen à max. 500 Zeichen. würde das projekt heute aber etwas anders aufsetzen (ebenso kurze texte, vielleicht noch kürzer, nur so viel, wie sich in einem bezahlbaren telegramm eben sagen liesse, und gänzlich autonom voneinander - und nicht, wie damals, als fortlaufende oder sich überschneidende geschichtsfragmente).
hättest du einen passenden namen für diese rubrik (muss - gemäss lydias logik - geographisch verortbar sein).
Markus am 22.02.2007 um 13:39
namen: keinen, im moment. war es nicht aber so, dass du diversen schichten oder erzählebenen (oder eben nur: narrativen einheiten als kategorien) unterschiedliche morsecodes zugeordnet hast? das würde sich hier ja nicht ausschliessen ...
hab am 22.02.2007 um 14:03
stimmt.
falls also der leiche frische luft in die lungen geblasen werden sollte, werde ich eine “qsl"-rubrik einrichten und als unterkategorien dann die diversen q-codes. muss das noch genau durchdenken.
Markus am 22.02.2007 um 14:12
diese inseln im atlantik: ich erinnere auch an St. Helena, nicht nur wegen Napoleon, sondern auch wegen Pynchons “Mason & Dixon” (sie waren auch dort, die beiden). und Tristan da Cunha ist vorbild für die “Insel Felsenburg” von Schnabel. solitäre eilande. dachte ich auch in bezug auf die kabel: dieses nachrichten-übermitteln. die idee gefällt mir. ich sitze auch an einem knotenpunkt. mails kommen und gehen. zu leuten, die untereinander nicht direkt miteinander verbunden sind. fast kommt es mir vor, als trüge er lasten, der beamte des britischen empires. ein sisyphos? ein atlas? seine finger wiederholen den rhythmus der morsezeichen. er schreibt ab. er ist nicht da, wenn er abschreibt. mechanisches betätigen der finger. reizvoll. danke!
parallalie am 23.02.2007 um 17:28
genau dies hat mich an dem bild so fasziniert: auf der einen seite dieser unglaubliche kommunikationsfluss, auf der anderen die totale einsamkeit - nicht nur, weil er allein auf der insel wohnt, sondern auch, weil er in die kommunikation nicht mitwirkend eingreifen darf, obwohl er ja, solange noch ein funke mensch in ihm und er nicht nur pflichtversessener beamter ist, die tragödien, die durch die kabel ticken, mit-bekommt.
Markus am 23.02.2007 um 17:52
er bekommt sie nich mit… das ist richtig. auch die “insel felsenburg” ist ein zusammenfließen von erzählungen… ich sehe schon, Sie leben auf inseln, auf denen schwätzer wohnen, oder auf denen das schwatzen sich in ein mechanisches weitergeben verwandelt… machen Sie etwas daraus!
parallalie am 23.02.2007 um 20:03
das motiv des >>>"schwätzers” lässt mich nicht los…
das phänomen des geschwätzes, des mechanischen nachplapperns, beschäftigt mich. geschwätz lenkt die wirtschaft - zumindest in der dienstleistungsbranche, in der ich tätig bin - aufgrund von geschwätz werden entscheide in form von geschwätz getroffen (die powerpoint-präsentationen sind voll davon), und wer die kunst des schwatzens beherrscht, bringt es in der finanzwirtschaft weit. schwatzen heisst macht ausüben.
aber auf der insel ascension geht es mir, denke ich, um etwas anderes…
Markus am 24.02.2007 um 05:41
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