Jede Geographie verlangt eine eigene Biographie

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Jede Geographie verlangt eine eigene Biographie.

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Seit ich damit begonnen habe, auf Portugiesisch nach meinen Erinnerungen zu suchen, stelle ich fest, dass es ein anderes Leben ist, das ich beschreibe. Ein bisschen hat es mich schon überrascht, wie vehement sich die hiesige Sprache einer Übersetzung meiner deutschsprachigen Autobiographie widersetzt. Erzwinge ich sie, ist das Resultat ein nichtssagendes Leben.

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Ich suche nach Gründen.

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Vielleicht liegt es tatsächlich an der Sprache, die in sich anders strukturiert ist als das Deutsche. Beginne ich mit einem Satz und folge der Logik oder dem Reiz seiner Aussage oder seines Klangs, folge ich anderen Wegen als wenn ich dieselbe Strategie im Deutschen anwende. So führt mich der Satz „Ich wurde als Sohn eines Missionarsehepaars geboren“ im Deutschen unmittelbar ins exotische und von der Militärdiktatur geprägte Brasilien der späten 60er, im Portugiesischen aber zu einer längeren Reflexion über meine Eltern auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, weshalb sie das (damals schon) recht gemütliche Schweizer Ländchen verliessen, um in einem Haus im tiefsten Land zu wohnen, das nur ein Plumpsklo besass.

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Vielleicht liegt es am kulturellen Umfeld, in das hinein ich mein Leben erzähle. Anders als in der Schweiz, wo überzeugte Christen (oder überhaupt tiefreligiöse Menschen) eine Ausnahmeerscheinung sind, ist der brasilianische Alltag von Religion durchtränkt. Missionare sieht man überall, ob es nun Mormonen sind, die in Zweierteams mit den schwarzen Schildchen am weissen Hemd und je mit einem kleinen Rucksack durch die Strassen ziehen, oder der Deutsche, der in der Baptistengemeinde neben der Krippe unserer Tochter seinen Gottesdienst verrichtet. Zu sagen, ich sei Missionarssohn – damit kann ich (anders als in der Schweiz, wo es mir nebst skeptischen Blicken immerhin einen Exotenbonus einbrachte) hier nicht punkten. Es interessiert in Brasilien keinen.

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So sehe ich mich vor die etwas unerwartete Herausforderung gestellt, für einmal mein Leben nicht vor einem religiösen Hintergrund zu beschreiben. Es ist eine recht ungewohnte Lage, in die mich das Portugiesische damit bringt, war doch die christliche Folie der Dreh- und Angelpunkt, von dem aus ich mich bis anhin beschrieb – und sei’s auch bloss als in Opposition zum Christentum. (Es gibt kein bestimmenderes Element im Leben als ein Feind, dem man den Krieg erklärt hat.)

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Ehrlich gesagt macht mich das etwas hilflos. Ich weiss nicht, wo ich beginnen soll. Das Portugiesische hat mir meinen Feind genommen. Ich stehe in Waffen auf dem Schlachtfeld, aber der Feind hat sich nicht wie verabredet zum Krieg gemeldet.

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Es muss komisch aussehen, wie ich bis zu den Zähnen bewaffnet und in schwerer Rüstung im Urwald steh. Mit jedem Schritt, den ich tue, verheddere ich mich im Unterholz und verfange mich in Lianen. Die deutschsprachige Fiktion meines Lebens hat mich in Brasilien handlungsunfähig gemacht.

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Zeit, die Waffen abzulegen.

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(Für einmal eine Geschichte mit Moral. Man sehe es mir nach. Auf Portugiesisch hätte die Geschichte wahrscheinlich ein ganz anderes Ende genommen. Ein Grund mehr, meine Biographie neu zu schreiben.)

am 10.04.2008

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