Ins Bildlose. Bio (6)

Als unsere fünfköpfige Familie im Sommer 1974 aus einem jährigen Aufenthalt in der Schweiz nach Brasilien zurückkehrte und in Belém einen Zwischenhalt einlegte, ging es zu viert weiter ins Landesinnere. Ich habe keine deutliche Erinnerung an diesen Umstand, vage nur erinnere ich mich, dass ein halbes Jahr später meine ältere Schwester in den Ferien zu uns kam und mit mir Schule spielen wollte. Ebenso verschwommen sind meine Erinnerungen an die Vorbereitungen, die meine Eltern für den Sommer 1975 trafen. Am deutlichsten sind mir die Bilder von anderen Missionarskindern vor Augen, die in der Nähe wohnten und mir erzählten, was auch mir in Kürze blühen würde. Das Ritual war jedes Jahr dasselbe: Wenn die Ferien zu Ende gingen, wurden die Missionarskinder verschiedener Familien an einen Treffpunkt gebracht, von dort begleitete ein Missionar die Kinder nach Belém ins Internat. War es für ein Kind die erste Reise, wurde in der Regel dessen Vater mit dieser Aufgabe betraut. Im Sommer 1975 also bestieg mein Vater mit mir und drei anderen Kindern einen Bus, ich liebte das Reisen, hoffte, dass der Bus nie ankommen würde. In Belém angekommen, wurden wir im Gästehaus der Mission untergebracht, ich hielt mich immer sehr nah an meinen Vater, irgendwie schien ich den Abschiedsschmerz zu ahnen, der mir bevorstand. Es kam der erste Schultag, am frühen Morgen fuhren wir in ein Aussenquartier der Stadt, fuhren an Häusern vorbei, dann durch ein Tor in ein grünes, weitläufiges Gelände. Mein Gepäck wurde in den Schlafraum der Buben gebracht, sechs Betten standen da, ich weiss noch, wie ich den Internatsleitern vorgestellt wurde, einem norddeutschen Ehepaar, sie gross und schlank, er klein, glatzköpfig, dick. Sie sagten irgendetwas zu mir, ich antwortete mit einem “Hä?”, worauf ich die erste Abreibe erhielt: “Das heisst nicht “hä”, das heisst “Wie bitte"!" Ich verstand deutsch, sprach es aber nicht. Dann läutete die Schulglocke, ich musste in die Klasse, Vater ging noch was erledigen, dann wurde ich aus dem Unterricht gerufen, draussen stand mein Vater schon neben dem Wagen, der ihn zum Busbahnhof bringen würde, er verabschiedete sich von mir, ich klammerte mich an ihn. Die Internatsleiter rissen mich von ihm los, ich sehe noch heute das schmerzverzerrte Gesicht meines Vaters, und wie er versucht, mich abzuschütteln.
Abends, nach der Abendandacht (von der später zu reden sein wird), die anderen Kinder schliefen schon, weinte ich noch immer. Um die Kinder nicht zu wecken, schlich ich mich in den Gang, Tante Christel, die Internatsleiterin, entdeckte mich auf ihrem Kontrollgang, fragte, was los sei. Kopfweh, muss ich gesagt haben, denn sie kam mit einem Aspirin und einem Glas Wasser wieder. Draussen riefen die Kröten. Es regnete, glaube ich.
(Ich dramatisiere natürlich etwas. Das sechsjährige Kind, das ich damals war, erlebte diesen Tag benommen und erschöpft. Einige Tage später war das Zubettgehen kein Problem mehr, in den Betten nebenan lagen ja die neugewonnenen Freunde und der Unterricht ermüdete und tat sein Übriges für einen guten Schlaf. Der Einzug ins Internat wäre nicht weiter bemerkenswert gewesen, hätte er nur eine persönliche Zäsur dargestellt, ein kleines Trauma. Aber er markierte auch die Begegnung mit einer anderen Glaubensform, einem bildlosen Christentum.)

am 14.02.2008

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