In Orszulas Schoss

1
Ein Leben ganz im Kopf kennt keine Verbindlichkeit ausser jener, sich selbst eine gute Geschichte zu erzählen. Alles ist in Gedanken möglich, ich kann sterben und auferstehen, ich kann mir einen schönen Grabstein meisseln und ihn mit einem Wort zerbrechen. Ich kann tausend Frauen lieben in einer Nacht, ohne dass mir die Hoden davon schmerzten. Nur der Kopf schmerzte mir danach.

2
Denn woher sollte ich mir tausend Frauen nehmen, wenn nicht aus meinen eigenen Gedanken? Denk nach, du lüsterner Knabe, aus Worten lässt sich jede machen, die du dir wünschst. Und so denke ich sie mir aus, eine nach der anderen, treib es wild mit ihnen, hinein in ihren schlüpfrigen Schoss. Doch wozu?

3
So ganz im Kopf krieg ich keinen hoch.

4
„Die Bewohner von Entre Morros“, erklärt Artur Peixoto in seinem Buch, „meiden jeden Gedanken, der ihr Geschlecht bewegen könnte. Sie wollen nicht daran erinnert werden, dass sie, so gemütlich sie es sich in ihrem Schädel auch eingerichtet haben mögen, doch einen Körper besitzen. Hätten sie keinen, hätten sie auch keinen Kopf, in dem sie hausen könnten. Also befriedigen sie ihn nur mit dem Allernötigsten, ein Schlückchen Wasser, ein Bisschen was vom Tisch, um ihn möglichst still zu halten.

5
Das Kirchenbuch, in dem die Namen der Epidemieopfer verzeichnet sind, wurde von der Kirche in die Bibliothek verlegt, wo es jetzt neben Romanen und Lyrikbänden zu finden ist. Man hat den Tod zur Fiktion erklärt. Die Toten starben nie wirklich, sie starben nur auf dem Papier, eine amüsante Betrachtungsweise, sicherlich. Doch wie ernst es den Bewohnern von Entre Morros damit ist, lässt sich auch am Umstand erkennen, dass der Christus in der Kirche vom Priester, der die Epidemie ebenfalls überlebte, vom Kreuz gehoben wurde und jetzt als Vogelscheuche im Garten von Sepp Trümperli die Krähen mit seinem traurig geneigten Blick verjagt. Als mir all dies zu Ohren kam, fragte ich Agata Poera, die schöne Grossköpfige mit durchscheinendem Mund, die, so weit ich glücklich verstand, seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr mit einem Mann verkehrte, ob bei meinem Anblick denn nicht das Blut ihre Lippen füllte. Da sagte sie mir: Ich spräche wie ihr Mann. Ob ich ihr sagen könne, wo ihr Mann zu finden sei.“

6
Nichts, nichts, keine andere Tätigkeit, so raffiniert wir sie uns auch denken, bereitet so viel Vergnügen, versetzt uns in einen so tiefen Rausch wie die Vereinigung mit einem anderen Körper. Aber auch keine andere Tätigkeit ist in der Lage, so viel Schmerz auszulösen wie die Berührung durch einen anderen Menschen. Deshalb, auch deshalb stiess ich mit aller Kraft in Orszulas Schoss.

am 07.04.2008

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