In einen Text verliebt

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Es gibt kein einfaches Schreiben, kein „Ich setz mich jetzt mal kurz hin und schreibe schnell eine Geschichte“.

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Dass das Schreiben auf Portugiesisch mir besondere Mühe bereiten würde, dass ich mich mit der unvertrauten Melodie einer mir innerlich fremdgewordenen Sprache schwer tun würde, hatte ich erwartet. Ich mühe mich von Wort zu Wort, empfinde den Rhythmus erst, wenn ich das Wort gefunden habe.

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Das gilt auch für das Schreiben auf Deutsch. Ein bisschen anders zwar, ja: Gebrauchstexte gehen wie von selbst von der Hand (auf Portugiesisch noch nicht, das Verfassen simpler Hinweise für die brasilianische Literaturzeitschrift „Espaços“ ist knochenharte Arbeit), aber was literarische Texte angeht: auch da Schwerstarbeit.

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Das ist so (und es ist so in allen Sprachen), weil es anders nicht sein kann. Einen Stoff in Worte zu kleiden, bedeutet, ein Kleid zu schneidern, das die Form erst enthüllt (ein Kleid, das der Trägerin erst die Augen für die Schönheit ihrer Figur öffnet. Nackt ist sie Körper, angezogen aber vollendet. Diese Vollendung bleibt ihr, auch wenn sie das Kleid danach ablegen sollte. Ein kunstvoll erstellter Text bleibt verführerisch auch wenn das Buch längst wieder zugeklappt ist).

5
In den frühesten Morgenstunden luden wir unsere kleine Tochter wieder auf den Arm und fuhren mit ihr ins Krankenhaus. Ihre Gesundheit hatte sich, seit eine schwache Lungenentzündung diagnostiziert und ihr Antibiotika verschrieben worden waren, quasi über Nacht verschlechtert. Wieder Blutentnahme, wieder Röntgenbilder.

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Und wieder (das dritte Mal schon) traf ich auf den Spitalgängen jene Mulattin, von der ich noch nie geschrieben habe, weil sie mir auf den ersten und zweiten Blick nur als Männerphantasie erschienen war, eine schlanke, nicht sehr grosse Frau mit einem umwerfend hübschen Gesicht, scharf geschnitten, stolz, sehr weiblich.

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Heute - wieder begleitete sie eine ältere Frau, die sich in der Notaufnahme behandeln liess - fiel mein Blick auf ihr Kleid und da erst wurde mir klar, wie viel ihrer Schönheit sie diesem Stoff verdankte.

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In eine solche Frau verliebt man sich, wie man sich in einen Text verliebt.

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(Sorge um die Liebste: Die Antibiotika haben nicht angeschlagen, unsere Tochter muss nun stationär behandelt werden. Ausgerechnet sie, die weisse Kittel über alles hasst. Ich vermute, sie erkennt bereits auf ihre lauthals kindliche Art wie unförmig Uniformen sind.)

am 24.04.2008

Oha, ihr habt es ja gesundheitlich nicht leicht dort: Dengue, Lungenentzündung, alles keine Spielereien. Gute Besserung. Hoffentlich kann die Kleine bald wieder heim.

Benjamin Stein am 28.04.2008 um 09:12

Mir fällt auf, dass ich die Beiträge noch immer wie Zeitungsberichte nehme. Dabei ist es ein Blog, und es könnte sein, dass ihr alle quietschgesund zu Hause sitzt und euch eures Lebens freut. Würde ich mir eher wünschen…

Benjamin Stein am 28.04.2008 um 09:14

Um des dramatischen Effekts willen der eigenen Tochter eine Krankheit anzudichten - so skrupellos bin ich nun auch wieder nicht. Du weisst wahrscheinlich selber, wie unangenehm schon eine einfache Erkältung für ein Kind sein kann und wie eine verstopfte Nase den Eltern die Nächte sehr lang werden lässt. Nun stelle man sich ein Kind im Krankenhaus vor, umringt von Menschen in weissen Kitteln, und ständig versucht, den Schlauch aus dem Arm zu reissen…

Erfinderischer gehe ich hingegen mit den übrigen Figuren (mich und die Mulattin eingeschlossen) um, die hier bisweilen auftauchen… Da darfst du raten, was wirklich war, oder nur in meinen Gedanken wirkt.

(Die Kleine ist inzwischen wieder zuhause, quicklebendig und umtriebig, wie eh.)

Markus am 28.04.2008 um 09:32

Soso, Du hast also erzählerische Skrupel! Solltest Du nicht. Denn wenn Du solch dramatisches Geschehen in die Erzählung hinein erfindest, hat es womöglich im Rahmen der Lebensrealität keinen Platz mehr. Sprich: Die Krankheit erzählen wirkt wie ein Schutzimpfung.

Natürlich gibt es da noch die Abergläubigen, die meinen: Wenn man es erzählt, geschieht es auch.

Nun, ich wäre beruhigter gewesen, wärest Du einfach nur ein skrupelloser Erzähler!

Ich erinnere mich noch gut an die ersten Tage nach der Geburt meiner Tochter. Sie hatte eine Neugeborenengelbsucht und musste mit verbundenen Augen in einem UV-Lichtkasten liegen. Obwohl die kleinen Hände noch kaum koordiniert etwas vollbringen konnten, hat die Kleine es doch geschafft, sich immer wieder die Binde von den Augen zu streifen - und das Weinen und die Tränen… Nach zwei Tagen sind wir mit der Kleinen auf eigenen Wunsch aus dem Krankenhaus fort.

Benjamin Stein am 28.04.2008 um 10:17

Ist es nicht vielleicht so, Markus, dass die Wörter einer wirklich guten Geschichte zugleich Substanz ( Stoff : Wesen ) der Geschichte sind? Dass also ein identifizierbares Kleid aus Wörtern bedeutet, dass die Haut der Geschichte die Geschichte nicht erreicht, dass also noch weitergedreht werden muss. Ist es nicht so, dass man aus einer wirklich gelungenen Geschichte kein Wort herausnehmen kann, ohne das Gefüge insgesamt zu verändern. Und ist es nicht so, dass eine Geschichte, die sich lange Zeit im Gehirn eines Künstlers vorbereitete, sich wie Jazzmusik leicht auf das Blatt spielen lässt? Ist nicht das Schreiben eine priveligierte Arbeit, eine die höchstes Vergnügen mit sich bringen sollte. Ist nicht die Empfindung, eine Schwerstarbeit verrichten zu müssen, ein Zeiger, dass das zu Schreibende noch nicht gut vorbereitet wurde im Kopf oder in der Zeit, dass es sich also noch nicht spielen lässt, oder dass die Instrumente noch nicht ausreichend geschärft sind? Herzliche Grüße über den Atlantik. ( Vielleicht aber flitzen die Signale über den Knoten Singapur )

louis am 29.04.2008 um 09:08

lieber andreas, form und inhalt trennen zu wollen, ist - da stimme ich dir ohne zu zögern - sofort zu. Es wird ja nicht umsonst gesagt: Form ist Inhalt.
Ich beneide dich um die Leichtigkeit, mit der du schreibst. Mir ist diese Leichtigkeit fremd. Aber dass Schreiben für mich Arbeit, Schwerstarbeit bedeutet, heisst nicht, dass es mir nicht Vergnügen bereitet. Ganz im Gegenteil. Als Jugendlicher habe ich oft auf dem Bau gearbeitet und es gab für mich damals nichts befriedigenderes, als schweissüberströmt und hundemüde am Abend nach Hause zu kommen.

Herzliche Grüsse zurück über den Pazifik und den asiatischen Kontinent.

Markus am 29.04.2008 um 09:27

@louis als ergänzung:
die texte auf diesem weblog (seit etwa mitte märz) müssen - damit meine überlegungen wirklich klar werden - auch vor dem hintergrund meiner kolumne, die ich am 12. Februar hier begann, gelesen werden. dann kommt vielleicht klarer zum ausdruck, was ich meine und weshalb ich es meine.
das ist einiges an lektüre, ich weiss, aber ich kann nicht in jedem beitrag wiederholen, was ich vorher schon schrieb. ich hoffe, du verstehst das ;-)

Markus am 29.04.2008 um 09:34

Lieber Markus, werde Kolumne nachlesen. :-) Will Dir rasch Danilo Kis’ homo poeticus empfehlen. Sehr feines Buch, das sich auch mit der ARBEIT des Findens und Erfindens beschäftigt. Die Schwerstarbeit und die Lust daran und die Freude, wenn man mit einer Schwerstarbeit fertig geworden ist, kenn ich vom Bergsteigen. Kann Dich nachvollziehen. Bei mir findet die nicht so leichte Arbeit im Luftraum über den Papieren und Tasturen statt, dann wennn ich warten muss, abwarten, weil nichts geht, weil mein Gehirn noch nicht fertig ist und die Hände noch ohne Verbindung sind. Das Schreiben, finde ich, hat sehr viel mit Geduld zu tun, mit Abwarten und Aufmerksamkeit, mir Radaren nach Innen und Bereitschaftsdiensten rund um die Uhr. beste Grüße von louis und a. :-)

louis am 29.04.2008 um 09:51
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