Herr Kandell zurück im Emmental

Zurück aus den Ferien. Es waren schöne Ferien. Herr Kandell hat viel gesehen und ist wohlbehalten wieder heimgekommen. Sein Glashaus hat sich prächtig gehalten. Jetzt ist es an seinem gewohnten Platz am Berghang parkiert, die Handbremse ist angezogen. Der nächtliche Regen hat den letzten Reisestaub von den Scheiben gewaschen und das Tal erstrahlt goldig im Morgenlicht. Herr Kandell hat von der schönen Bernerin geträumt. Im Traum sassen sie einander gegenüber, zwischen sich nichts als eine Wand aus Glas, und beide waren glücklich.
Nun hat ihn der Alltag wieder. Tag für Tag steht er auf, macht sich eine Tasse Kaffee, blickt ins Tal hinab, isst, schaut ein bisschen fern, schläft. Sein Haus steht an einer verkehrsreichen Strasse in einer engen Kurve. Manchmal sieht er, wie ein Auto sehr schnell dahergefahren kommt und in der engen Kurve auf die andere Spur getragen wird. Wenn es knallt, ruft er bei der Polizei an. Hinschauen mag er nicht, wenn die Verletzten geborgen werden. Ein bisschen traurig macht es ihn, wenn er auf der Steilwiese hinter dem Glashaus die Kinder herumtollen sieht. Oder in einer lauen Sommernacht Liebespaare im frischgeschnittenen Heu entdeckt. Aber wenn dann die Touristen aus Deutschland, Österreich, Italien oder aus dem Unterland auf ihren Wanderungen an seinem Haus vorbeikommen und ihn anstarren, wie er da manchmal nackt in seinem Glashaus sitzt, ist er froh, dass eine Scheibe ist zwischen ihm und dem, was da draussen ist. 

am 19.04.2007

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