Der Heissluftballon

Es war an einem Donnerstag. Ich sass im Klassenzimmer und blickte auf endlose Zahlenreihen an der Tafel, als es an der Tür klopfte, der Schuldirektor den Kopf hereinsteckte und mit der Lehrerin einige Worte wechselte. Sein Gesicht war ernst und immer wieder ging sein Blick zu mir. Die Lehrerin nickte schliesslich, seufzte und rief mich zu sich. Vor dem Schulzimmer warteten meine Eltern. Sie wirkten etwas bleich und wortlos führten sie mich hinaus zu unserem Wagen.
Zuhause lag bereits Wäsche für mich bereit: Stiefel, alte, zerrissene Hosen und ein T-Shirt, das ich nicht mochte. Mein Vater wartete im Wagen, ich zog mich widerwillig um.

“Was ist passiert?” fragte ich, als wir alle wieder im Wagen sassen.
“Das haben wir dir doch schon so oft erklärt, Junge!” antwortete meine Mutter. An ihrer Stimme merkte ich, dass sie angespannt war und keine weitere Diskussionen wünschte.
Der Wagen hielt vor dem Altersheim. Mutter stieg aus und verschwand im Gebäude. Ich blieb mit meinem Vater im Wagen und erzählte ihm einen Witz, den ich in der Schule gelernt hatte. Er lachte nicht.
Endlich tauchte Mutter wieder auf. An der Hand hielt sie meinen Grossvater. Er versuchte, sich von ihr loszureissen. Tränen liefen ihm über die Wangen. Zusammen gelang es meinen Eltern, Grossvater in den Wagen zu stossen.
“Ich will nicht wegfahren!” wimmerte Grossvater. “Mir gefällt es im Altersaheim! Wohin bringt ihr mich?”
“Wir haben doch schon so oft darüber gesprochen, Papa!” antwortete meine Mutter. Ihr Stimme klang jetzt noch angespannter. Wir hatten die Stadtgrenze bereits hinter uns gelassen und Grossvater weinte noch immer. Mein Vater fuhr den Wagen an den Strassenrand, hielt an und drehte sich zu Grossvater um: “Du musst jetzt stark sein, Vater. Bitte mach die Sache nicht noch schwieriger, als sie es ohnehin schon ist.”
Wir fuhren weiter. Grossvater beruhigte sich und erzählte mir von der ersten Nacht mit Grossmutter.
“Halt den Mund, Papa!” rief meine Mutter. Ich war erst acht Jahre alt.
“Schon gut, Grossvater”, sagte ich, “du hast mir die Geschichte schon oft erzählt. Weisst du das nicht mehr?”

Der Wagen kam an einem Waldrand zum Stehen. Wir stiegen aus. Da erinnerte sich Grossvater plötzlich wieder an den Zweck unserer Reise und brach erneut in Tränen aus.
“Wir sind spät dran”, sagte mein Vater. “Beeilt euch!”
Wir durchquerten den Wald zu Fuss. Vater ging voraus. Mit einem Buschmesser schlug er einen Pfad ins Dickicht. Mutter bildete die Nachhut, um Grossvater im Auge zu behalten, der wiederholte Fluchtversuche unternahm.
Sie seufzte erleichtert auf, als der Wald sich schliesslich auftat und wir auf eine Lichtung traten, in deren Mitte sich ein riesiger Heissluftballon befand.
Zuhause hatten wir die Situation schon oft durchgespielt. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Ich verabschiedete mich von Grossvater. Mit vereinten Kräften hoben meine Eltern Grossvater in den Korb und lösten die Leinen.
Der Ballon begann, langsam zu steigen. Grossvater versuchte, hinauszuspringen, doch schrak er zurück, als er sah, wie tief der Fall sein würde. Mit traurigen und leicht verwunderten Augen blickte er zu uns herab.
Als der Ballon schliesslich zwischen den Wolken verschwand, fuhren wir zurück und die Eltern setzten mich vor der Schule ab.

am 19.12.2006

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