Heiligenbilder
“Santinhos”, kleine Heilige also, werden sie genannt, die visitenkartengrossen Papierchen mit Foto, Namen und Wahlnummer der Kandidaten, die vor den Wahllokalen verteilt werden. Angesichts der zahllosen Kandidaten, die sich um die wenigen zur Disposition stehenden Gemeinderatssitze prügeln (hier in Rio waren es über 1200 für 50 zu besetzende Sitze), ist es unmöglich, sich im Vorfeld der Wahlen ein fundiertes Bild aller Kandidaten zu machen. Man hat sie schon vor den Wahlen gesehen, auf Autoaufklebern und auf Fahnen, die am Strassenrand von verdungenen Gehilfen geschwungen werden. Aber es sind viele. Wie soll man sich da ein ganz bestimmtes Lächeln mit der dazugehörigen fünfstelligen Zahl merken? Da soll das Fernsehen Abhilfe beziehungsweise Klarheit schaffen, sagt der Staat und verordnet und berappt Wahlwerbung auf allen Kanälen: Fünf Sekunden für jeden Kandidaten, direkt nach der Tagesschau. Fünf Sekunden reichen für einen Satz, ein Gesicht folgt in diesem Rhythmus auf das andere, zwölf pro Minute, und jedes verspricht dem Wähler dasselbe Heil, ein besseres Rio. Da ist keine Zeit, um auf die gegen dieses Gesicht laufenden Gerichtsverfahren einzugehen, auch Jesus brach mitunter die Regeln und endete dafür am Kreuz. Um das zu verhindern, will jeder gewählt werden, denn als Gemeinderat bieten sich einem zahllose Möglichkeiten, sich das eigene Heil zu erkaufen.
Die Heiligenbilder sind also die letzte Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen. Wie Konfetti werden sie vor den Wahllokalen ausgeschüttet. Es ist ein grosses, religiös anmutendes Fest. In einem Land, in dem Staat und Kirche offiziell getrennt sind, ist diese Praxis offiziell natürlich verboten. Aber wer wagt es schon, sich in diesem Land gegen die noch immer übermächtige Kirche aufzulehnen? Gott sei Dank besitze ich das hiesige Wahlrecht nicht. Wie könnte ich, im Wissen darum, dass die Politik jeden korrumpiert, guten Gewissens einem Heiligen meine Stimme geben?