Halt ein Bub (3)



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„Die Ohrfeige würde die Schwellung erklären, nicht wahr? Ebenso Luíz’ schlechte Laune.“ Auch auf diesem Foto kann ich nichts wirklich Aufsehenerregendes erkennen. Ganz im Gegenteil: Ich frage mich, ob die Fotos sich überhaupt für einen Jubiläumsartikel eignen. Wer einen Fund aus dem Archiv eines der grössten Fotografen der 70er und 80er erwartet, wird sicherlich enttäuscht sein, wenn er diese geradezu biederen Bilder sieht.
Unbeirrt, ja stolz fährt Rosa fort:
„Vater hatte Freude an der Fotografie. Er machte es sich zur Aufgabe, unsere Familie bei jeder Gelegenheit abzulichten. Ständig war er mit Lampen und Reflektoren beschäftigt, leuchtete die Szenerien aus, die er auf Film bannen wollte. In welchem Licht wir dabei erschienen, kümmerte ihn nicht. Für damalige Verhältnisse eine sehr moderne Einstellung.“
Ich blättere um und sehe Fotos von Luíz in der Schule, wie er verkrampft an seinem Pult sitzt, den Blick gereizt auf den Lehrer gerichtet; oder auf dem Pausenplatz, wutentbrannt und mit hochrotem Kopf auf einen Kameraden losgehend; dann in der Mensa, tobend, völlig ausser sich.
„Luíz hatte immer schon einen aufbrausenden Charakter gehabt. Seine Wutausbrüche waren lästig, aber kein Anlass zu übermässiger Sorge. Seine Lehrer glaubten, sein Temperament mit disziplinarischen Massnahmen unter Kontrolle bringen zu können. Auch Vater meinte, er sei halt ein Bub. Ich sah das als Schwester naturgemäss etwas anders, nur allzu gern hätte ich ihn als Problemkind gebrandmarkt gesehen. Ich hasste ihn, wie alle Schwestern ihre Brüder hassen. Wir waren eine ganz normale Familie.“


am 12.09.2008

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