Hässliche Dinge eben (4)



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Nächstes Foto: Porträtaufnahme von Luíz. Eingefallene Wangen, bleiche, durchscheinende Haut, tiefe Augenringe, desperater Blick. Dunkle Venen fahren dicht unter seiner Haut quer durchs Bild. Es ist eine hässliches Sujet, ein junger Mann, der nicht begreift, wie ihm geschieht. Aber eine wundervolle Aufnahme. Sandermanns Handschrift, die liebevolle, geradezu zärtliche Art, sein Sujet ins Bild zu rücken, ist bereits deutlich erkennbar. Wo Zuneigung sich aufs Elend richtet, zeigt es sich umso deutlicher dem Auge des Betrachters. Vielleicht, denke ich, ist nur Liebe in der Lage, die Wahrheit derart schonunglos aufzuzeigen.
Da, sie muss meine fast andächtige Bewunderung bemerkt haben, lacht Rosa plötzlich auf. Es ist ein bitteres Lachen, das ihr entfährt, bevor sie zu ihrer gewohnt leisen Stimme zurückfindet:
„Das Absurde ist, dass wir’s nicht sahen. Wir schauten uns die Aufnahme an und bemerkten nicht, was mit Luíz vor sich ging. Damals waren wir, Vater ohnehin, zu sehr von der neuen Sicht eingenommen, die sich durch die Fotografie auf die alltäglichsten Dinge eröffnete. Die Details, die die Kamera zu Tage förderte: die Mitesser auf der fettigen Haut, der Flaum, der auf Luíz’ Oberlippe zu wachsen begann, hässliche Dinge eben, die eine Schwester gerne sieht. Dabei war’s doch offensichtlich… Hinzu kam, dass Luíz sich zu jener Zeit wiederholt über seine dünne Haut beklagte. Wir hielten es für eine Redewendung, eine Metapher für sein gereiztes Wesen. Je älter Luíz wurde, desto ärger bekam er die Folgen seines cholerischen Gemüts zu spüren. Die Kollegen mieden ihn, Mädchen wollten von ihm nichts wissen. Es muss hart für ihn gewesen sein.“
Luíz bei den Hausaufgaben, schräg von hinten aufgenommen. Am Boden, im Vordergrund, liegt Schwester Rosa und liest, auf die Ellbogen gestützt, ein Buch. Auf dem Foto ist deutlich ein dunkler, auffälliger Fleck auf Luíz’ rechter Schulter zu sehen.
„Blut?“ frage ich.


am 13.09.2008

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