Gesetz und Gnade: Ein Mailwechsel mit Benjamin Stein
Der untenstehende Mailwechsel zwischen Benjamin Stein und mir hat einiges in mir ausgelöst. Er steht mitauslösend hinter dem gestrigen langen Nachwort, das ich als Antwort auf “Depesche zu Borges” schrieb. Ich denke, er wirft zusätzliches Licht auf unseren laufenden Diskurs.
Benjamins Zitierpraxis im Mailverkehr erlaubt es, hier jeweils nur seine Emails abzubilden. Meine (hier grau unterlegten) eigenen Beiträge sind als Zitate in seine Antworten eingearbeitet. Der Mailwechsel wird hier nur leicht überarbeitet (und mit ausdrücklicher Erlaubnis von Benjamin Stein – überlesen Sie also entsprechende gegenseitige Beteuerungen, diesen Dialog privat zu halten) wiedergegeben.
Mo 14.05.2007 11:50
Ich werde heute oder morgen auf Hanging Lydia nochmals einen Beitrag zu unserem Dialog schreiben. Ganz zu Beginn Deines letzten Artikels schreibst Du (und zunächst hat mich das doch verblüfft) “Das Judentum hat keine zentrale, dogmengebende Instanz”. Das Christentum hat - wenn keine zentrale Instanz (denn nicht alle Christen sind römisch-katholisch) – sehr wohl zentrale Dogmen. Und das ist die Crux des Christentums. Ich nenne es das “Dilemma des Christentums.” Meine Frage, die ich da kurz aufwerfen möchte, ist: Gibt es ein Christentum ohne den Glauben an den auferstandenen Christus oder ist ein Christentum - der diesen Namen auch verdient - denkbar, der sich “nur” auf die Lehren Christi stützt, wie z.B. seinem Liebesgebot?
Vielleicht wäre es hilfreich, wenn Du als “Aussenstehender” dann einen Blick darauf werfen könntest. Eine offene Diskussion auch über solche heiklen Fragen wäre hoch interessant.
Also bitte, ich bin kein christlicher Theologe! Für mich ist die Sache eindeutig: Christentum bedeutet Ablösung der Tat der Gesetzeserfüllung (Judentum) durch den Glaubensakt. Insofern kann ich mir ein Christentum ohne Glauben und Dogmen, die regeln, was zu glauben sei, nicht vorstellen. Es wäre eine reine Moral-Religion, und man könnte flugs bei Kant ankommen.
Ich muss gestehen, dass ich sehr tendenziöse Ansichten zum Christentum habe, ganz erheblich, was Orthodoxie und römisch-katholischen Flavour angeht, weniger, doch noch immer entschieden, was den evangelischen Zweig in seinen Verästelungen betrifft. Ich finde diese Ansichten aber nicht öffentlichkeitstauglich. Es kann also sein, dass ich nur bis zu einem gewissen Punkt mitdiskutieren kann. Das gebe ich dann aber offline zu
erkennen. :-)
b.
Mo 14.05.2007 12:19
Na, dann führen wir diese Diskussion auch nicht öffentlich. Es ist eine sehr persönliche Angelegenheit und wenn ich Dich richtig verstanden habe und ich daraus die richtigen Konsequenzen ziehe, dürfte ich mich auch nicht länger Christ nennen, weil ich einen dogmengeregelten Glauben nicht leben kann.
Auch das müsste ein christlicher Theologe beantworten. Ich würde vermuten, dass Du kein Christ mehr bist, wenn Du mit dem Dogma der Gottwerdung Christi und des alle Sühne erwirkenden Kreuzestodes nicht mehr leben kannst. Aber das ist eine Vermutung.
Was mich aber dann doch brennend interessiert, ist, welche Funktion die Tat der Gesetzeserfüllung im jüdischen Glauben spielt. (siehe auch die Polemik Gesetz vs. Gnade im Christentum)
Es zählt allein die Tat. Es spielt gewissermassen keine Rolle, aus welcher Veranlassung ich Schabbat halte - solange ich ihn halte.
Die Grundannahme ist, dass ein kleiner Anteil Menschen, die bereit sind, dieses Gesetzeswerk zu bewahren und zu befolgen, ausreichend sind, um den Gedanken der Moralität und des Schöpfergottes in der Welt aufrecht zu erhalten und damit die Schöpfung. Für alle anderen genügt die Erfüllung der 7 Noachidischen Gesetze, um gewissermassen das selbe Level des Verdienstes zu erreichen wie ein 100% observanter Jehudi.
Gnade ist nur eine Eigenschaft G’ttes, neben grausam, furchterregend, wunderbar. Das Prozedere sie zu erlangen, basiert auf der Idee des Tikkun (Wiederherstellung) durch Teshuvah (Umkehr). Nehmen wir an, ich habe gegen ein Gesetz verstossen und jemanden bestohlen. Werde ich nicht erwischt, muss ich - um quitt zu werden: 1) Bereuen, 2) vor G’tt und dem Geschädigten bekennen, 3) Zurückerstatten, 4) den festen Vorsatz haben, dies künftig nicht mehr zu tun. Auch hier: die Tat mit zwischenmenschlicher Bedeutung zählt. Einfach heimlich zurückgeben, funktioniert nicht.
Für mich ist das gerade vor dem Hintergrund des gestern Geschriebenen leicht erklärlich. Glaube - etwas allein in mir - geht nur mich an. Die Tat ist immer Kommunikation eines Gedankens (Sippur) auf etwas ausser mir. Nur sie verändert neben mir auch die Welt. Und das ist der Tikkun.
b.
Mo 14.05.2007 13:32
Verstehe ich das richtig: Weil die Tat Auswirkungen auf meine Mitmenschen bzw. die Schöpfung hat, ist es egal weshalb ich etwas tue. Was ich tue, ist ausschlaggebend, weil es Folgen für meine Umwelt hat.
Ja.
Diese Passage ist schon etwas kniffliger: Zur Klarstellung: Mit Moralität ist nicht die Moralität des Schöpfergottes gemeint, oder? Moral ist eine menschliche Qualität, die den sorgsamen Umgang mit der Schöpfung ermöglicht, richtig? Und doch erwähnst du Moralität und Schöpfergott im selben Atemzug. Welcher Zusammenhang besteht zwischen beiden?
Moralität ist sicher ein zu beladener Begriff. Gemeint ist das einfache “Sei a mensh”, wie es im Jiddischen heisst. Was bedeutet es, Mensch zu sein? Die sieben Noachidischen Gesetze umreissen da ein gewisses Mindestniveau.
Es scheint für mich aber hier ein ganz ganz wesentlicher Unterschied zum Christentum auf: Auf der einen Seite das Selbstverständnis des Glaubenden als “Gerechter” (ich bin es, der handelt, also bin ich alleine verantwortlich - auch für mein Seelenheil [ach, wieder so eine Kategorie, von der ich nicht weiss, ob sie im Judentum eine Rolle spielt und wenn ja, welche]), auf der anderen das des Glaubenden als “Geretteter” (mir widerfährt - völlig unabhängig von jedem Gerechtigkeitsverständnis, völlig unabhängig von meinen Taten - Heil).
Genau das ist es. Ich und nur ich bin für mich und meinen Anteil an der kommenden Welt verantwortlich - ab meinem 13. Geburtstag. Was ich nicht erwirke, erwirkt niemand für mich. Für mich ist das tatsächlich der Dreh- und Angelpunkt meiner Religiosität: Menschsein als unausweichliche Herausforderung.
b.
[Wer den gesamten Dialog verfolgen möchte, hier eine Auflistung der bisherigen Beiträge:
“Spiegel und Maske”, von Markus A. Hediger
Was ich erzähle, geschieht, von Benjamin Stein
Erwiderung auf “Was ich erzähle, geschieht”, von Markus A. Hediger
Zimzum und Urknall, von Benjamin Stein
Dogmen, Mystik und Literatur, von Markus A. Hediger
Depesche zu Borges, von Benjamin Stein
“Depesche zu Borges”. Ein langes Nachwort, von Markus A. Hediger]