Frühlingsbeginn
06:33:
Seit wir (das heisst, meine Frau und ich) beschlossen haben, unsere Zelte in Brasilien doch nicht überstürzt abzubrechen, bin ich auf Jobsuche. Der Arbeitsmarkt ist in Brasilien nicht schlecht, zumindest was hochqualifiziertes Personal angeht. Mein Dossier befindet sich bereits in vielen Händen, sowohl hier in Rio als auch in São Paulo und Umgebung. Mir ist aber bewusst, dass es nicht einfach wird, eine Stelle zu finden, die meinen (auch finanziellen) Ansprüchen genügt. Ich will hier jedoch nicht über Arbeitssuche und -markt schreiben, sondern über die direkten und bereits jetzt zu beobachtenden Auswirkungen berichten.
Seit ich meine Stellensuche begonnen habe, bemerke ich eine (für mich überraschende) Verlagerung meiner Perspektive und damit auch meiner Befindlichkeit. Es ist, als habe sich meine Energie mit einem Schlag verdichtet, als sei sie nahezu fassbar geworden. Ich fühle mich körperlich ungeheuer präsent, alle Kräfte scheinen auf das eine Ziel ausgerichtet. Das ist gut und fühlt sich auch gut an. Zu Beginn verunsicherte es mich, da ich feststellte, dass ich in diesem Zustand nicht schreiben kann (man sieht es an der Zahl der Weblogeinträge, die spürbar abgenommen hat). Die Sensibilitäten eines Autors vertragen sich schlecht mit dem Killerinstinkt eines Jobsuchenden. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und kann dem auch Gutes abgewinnen. Als Autor hat man kaum eine Überlebenschance. Und ich WILL leben.
Arbeitssuche ist in der heutigen Zeit eine sprachliche Angelegenheit ist, die direkte Auswirkungen auf den Körper hat. Ich hege den Verdacht, dass es keine tiefere und kraftvollere Bedeutungsebene als die körperliche gibt.
Die Zeit drängt. Das Wetter scheint dies zu spüren und tut, was es will. Der Frühling hat begonnen.