Etwas verloren
Es ist schon komisch, wenn sich Erwartungen erfüllen. Wenn der Schritt, den man so lange geplant hatte, tatsächlich auch dahin führt, wohin man gelangen wollte. Brasilien. Während den siebzehn Jahren die ich in der Schweiz verbrachte, hatte ich immer wieder mit dem Gedanken gespielt, nach Brasilien zurückzukehren. Den Auswirkungen der Schweiz auf mein Wohlbefinden, auf mein Denken (immer enger, immer beengender, immer beengter), auch auf meinen Körper (gesättigt), hielt ich ein immer imaginäreres Bild eines Lebens in Brasilien entgegen, das bis in die Erinnerungen meiner frühen Kindheit durchschlug, die ebenfalls immer imaginierter, erzählerischer wurden. Durch die Heirat einer Brasilianerin und ihren Umzug in die Schweiz wurde aus dem Spiel bitterer Ernst: Ich sah an einer mir sehr lieben Person die Auswirkungen der Schweiz auf ein Wesen, sah, wie einschneidend ein Land einen Menschen verändern kann. Es ist eben doch von wesentlicher(!) Bedeutung, an welchem Ort auf dieser Welt man sein Leben verbringt.
Nun sind wir also hier, sieben Wochen erst, aber die enormen Auswirkungen des Ortwechsels sind bereits deutlich spürbar: Ich habe Mühe, mich zu wieder zu finden. In meinem Denken, das weiter, unbesorgter geworden ist, in meinem Körper, der an Volumen verloren und beweglicher geworden ist (es drängt ihn hinaus, raus auf die Strassen, die sich hier in Rio in miserablem Zustand befinden, und, will man den Zeitungen glauben, gefährlich sind - und wenn schon: die gesteigerte Bedrohung des Körpers bewirkt eine Erheiterung der Seele). Brasilien ist, wie ich es gekannt und wie ich es mir vorgestellt hatte. Und doch weiss ich nicht, wo ich mich finden kann.
Erst heute ist mir - während ich eine Zigarette auf der Terasse mit Blick auf eine sehr bewegte und hässliche Strasse weitab von den wunderschönen (sie sind es wirklich) Stränden Rios rauchte - der Verdacht gekommen, es könne an den Bildern und Geschichten liegen, die ich mir von meiner Kindheit gemacht hatte: erinnere ich mich heute, von brasilianischem Boden aus, zeigen sich mir meine Kindheits- und Jugendjahre anders. Vieles, womit ich während der letzten 17 Jahren gehadert hatte, spielt hier keine Rolle mehr. Ich muss mich neu erfinden.
Bevor ich also an die Realisierung literarischer Projekte gehe, werde ich hier mein Leben neu aufrollen und versuchen, mich neu zu finden. Diesmal mit einfacheren, unprätentiöseren Mitteln als in bisherigen Versuchen.