Erwiderung auf Benjamin Steins „Was ich erzähle, geschieht…“
Lieber Benjamin
Zu allererst möchte ich sagen, wie glücklich ich über Deinen Beitrag bin. In vielen Punkten bringst Du darin genau und sehr präzise meine eigenen Sichtweisen und Überzeugungen zum Ausdruck.
Erlaube mir aber, den Standpunkt eines Christen einzunehmen. Denn nur von dieser Warte aus wirst Du verstehen, weshalb ich in meinem Beitrag „Spiegel und Maske“ die Sprache Gottes als „ungeheuer“ bezeichnete.
Im christlichen Verständnis der Schöpfungsgeschichte nimmt die Überzeugung, dass Gott durch das Wort quasi aus dem Nichts heraus Materie erschuf, diese herumschob, ordnete und ihr Leben eingab, einen ganz zentralen Platz ein. Gott sprach und es war, als hätte er mit seinen Händen in das Chaos, das vor der Schöpfung herrschte, hineingegriffen und es modelliert. Hierin zeigt sich für den Christen die Macht Gottes. Für das christliche Gottesverständnis ist die Schöpfungsgeschichte und ihr hier von mir bloss angerissenes Verständnis davon so zentral, dass jedes Rütteln daran zu heftigen Reaktionen in (zumindest fundamentalistisch) christlichen Kreisen führt. Daher die für einen Aussenstehenden völlig unverständliche Debatte zwischen Kreationisten und Evolutionisten in den USA und – in kleinerem Ausmass – auch hier in Europa.
Nur vor diesem Hintergrund ist meine Aussage, die Sprache Gottes sei ungeheuer, zu versehen.
Es ist ein grosser Unterschied zwischen „Ich spreche, und es wird“ und „Was ich erzähle, geschieht“. Ich möchte nochmals Deine Interpretation zusammenfassen (auch, damit Du an dieser Stelle sofort eingreifen und sagen kannst: „Markus, Du hast mich nicht verstanden“, was durchaus im Bereich des Möglichen liegt): Du siehst die Welt als eine Vielzahl nebeneinander bestehender möglicher Welten (oder Wirklichkeiten). Indem wir eine dieser Wirklichkeiten zur Sprache bringen, wird sie für uns wirklich. Wir erschaffen sie durch die Sprache. Indem wir unsere Rede über sie ändern, verändern wir auch unsere Wahrnehmung von ihr. Die Welt ist das, was wir wahrnehmen. Sie ist das, was wir über sie erzählen.
An dieser Stelle möchte ich die Position des Christen aufgeben, denn damit bin ich zu 100% einverstanden. Diese Haltung deckt sich auch mit textsemiotischen Modellen von Umberto Eco, von dem ich bekanntermassen ein grosser Fan bin. Ein Christ kann diese Sichtweise unmöglich teilen, da ein absoluter Wahrheitsanspruch an seinen Glauben nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Doch das ist ein anderes Thema.
Meine grösste Frage, die sich aus Deinem Beitrag ergibt, ist: Du beschreibst Schöpfungsmethoden, die einen bereits existierenden Raum voraussetzen. Wird dies in der jüdischen Mystik so gesehen? War die Welt (ganz materiell gesehen) schon immer? Und wird Gott als jener betrachtet, der als erster von ihr „erzählte“?
(Mir geht es als Autor immer auch darum, die erzählerischen Dynamiken und Potentiale solcher Haltungen oder Überzeugungen aufzudecken. Was ich über Borges schreibe, sind Annäherungen, ein Versuch, ein Gespür dafür zu entwickeln, aus welchen Überlegungen solche wunderbaren Geschichten heraus entstanden sein könnten und welche Interpretationsräume sie auftun. Denn jede Interpretation ist eine andere Geschichte. Je besser der Text, desto mehr Welten bzw. Wirklichkeiten bringt sie hervor. So lese ich auch die Schöpfungsgeschichte. Die christliche Auslegung ist die langweiligste, weil sie mich als Leser in eine Sackgasse führt. Da liegt mir die jüdisch-mystische, wie Du sie erklärst, sehr viel näher.)