“Depesche zu Borges”. Ein langes Nachwort

Die Mail, die ich an Benjamin Stein schrieb und die er (mit meinem Einverständnis) auf dem Turmsegler publizierte, hat einen Hintergrund, den ich kurz skizzieren möchte. Auf den ersten Blick scheint es belanglos und die Abgründe, die sich dahinter auftun, sind nicht für jeden sichtbar.
Zum einen liegt die (fast komische) Tragik genau in dem, was ich schrieb: dass ich jahrelang die Schriften eines Autors las, um eine Sehnsucht zu nähren; dass ich ihn verehrte, weil er sie stillte; dass ich seine Erzählungen benutzte. Und ich merkte es nicht. In Borges Erzählungen sind Strukturen erkennbar, die als “Religionsersatz” herhalten können (Ich schreibe “können”. Das schliesst einen Missbrauch nicht aus) - darüber wird noch zu schreiben sein. Das Gute daran ist: Jetzt steht mir das Abenteuer bevor, einen neuen Borges zu entdecken. Gott sei Dank.
Zum anderen deckt es die nachhaltige Wirkung einer strengen christlichen Erziehung auf. Um dieses zu erklären, möchte ich ein bisschen ausholen.
Ich habe nie nachvollziehen können, weshalb die katholische Kirche und mit ihr der Papst vor allem für ihre Haltung gegenüber dem Zölibat, dem Gebrauch von Kondomen oder dem Thema Abtreibung so scharf kritisiert wird. Diese Kritik geht am Wesentlichen vorbei. Niemand wird ernsthaft bestreiten wollen, dass ein Papst (und mit ihm die Kirche) sich zum christlichen Glauben bekennen muss. Er hat für diesen einzustehen und diesen zu verteidigen. In diesem Sinne - davon bin ich überzeugt - ist Benedikt XVI. ein hervorragender Papst. Er verteidigt die Lehre von der Auferstehung Christi und vom alleinseligmachenden Glauben in Christus. Aus diesen zwei Glaubenssätzen hat die Kirche eine ganze Reihe von Dogmen entwickelt, zu denen auch die oben genannten und so heftig kritisierten Haltungen der Kirche gehören. Wer die Kirche oder insgesamt den christlichen Glauben im Herzen treffen will, der rüttle am Glauben an die Auferstehung. Wird die Auferstehung Christi ein Opfer des zweifelnden Geistes, ist es auch mit der alleinseligmachenden Kraft des Christentums vorbei. Vorbei ist es dann auch mit grossen Teilen der kirchlichen Ethik und Moral. Was Bestand hat, ist das Gebot der Nächstenliebe. Doch um die Sinnhaftigkeit dieses Gebots einzusehen, braucht es keine Bekehrung, braucht es kein Christentum. Es braucht nicht einmal Christus. Wenn Benedikt XVI. das Zölibat verteidigt, verteidigt er nicht ein längst überholtes Brauchtum, er verteidigt den christlichen Glauben (zumindest die katholische Ausprägung davon). Jede Kritik an der christlichen Moral erträgt die katholische Kirche (und weite Teile eines fundamentalistisch ausgeprägten Protestantismus) ohne mit der Wimper zu zucken. Aber wehe es holt jemand Christus vom Himmel und legt ihn zurück ins Grab!
Wie nun hinlänglich bekannt gemacht, bin ich nicht katholisch sondern fundamentalistisch evangelisch erzogen worden. In einigen inhaltlichen Fragen weichen Katholiken und Evangelikale voneinander ab, Evangelikale lehnen das Zölibat ab, verurteilen aber ebenso wie die Katholiken (wenn nicht sogar resoluter) vorehelichen Geschlechtsverkehr. Mit den Katholiken teilen die Evangelikalen den Glauben an die Auferstehung Christi und die Überzeugung, das Christentum sei der einzige Weg zum Heil. Diese wie jene haben ein ausgefeiltes System voneinander abgeleiteten und ineinander verzahnten Lehrsätze entwickelt. Moralisches greift in Theologisches, Theologisches in Eschatologisches, Eschatologisches in Ontologisches, Ontologisches in die Sündhaftigkeit des Menschen usw. Es ist ein sehr kompaktes, sehr kraftvolles Konstrukt (wie absurd es wird, wenn man es auf die Spitze treibt, erfährt man durch einen Besuch auf jesus.ch, wo in aller Ernsthaftigkeit ein (positiver!) Vergleich zwischen Jack Sparrow von “Pirates of the Caribbean” und Christus gezogen wird).
Die Kraft bezieht das Christentum weniger aus seiner Heilsbotschaft als aus seiner einfachen, klaren Struktur. Das Leben als Christ ist nicht schwer, wenn man einmal gelernt hat, die allgegenwärtigen Versuchungen zu identifizieren und ihnen zu widerstehen. Das Christentum bietet eine Antwort auf alles. Es erklärt die Welt. Es sagt, was wahr ist. Es funktioniert, solange man keine Fragen stellt.

Ich habe Fragen gestellt und innert kürzester Zeit mich ausserhalb der Gesellschaft der Christen wiedergefunden. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte, dass die Strukturen, mit und in denen ich aufgewachsen bin, nachwirken. Wenn man in einem derart durchkonstruierten System aufwächst, prägt das die eigenen Denkstrukturen. Selbst wenn die ursprünglichen Inhalte längst aufgegeben wurden - man ist ständig auf der Suche nach Ersatz. Wenn bei Borges christliche Motive anklingen, weckt das Erinnerungen und Sehnsüchte. Das ist die Falle, in die ich getappt bin. Die scheinbar klare Sprache und überaus elegante Komposition von Borges Erzählungen haben mich im Netz zappeln lassen, ohne dass ich es merkte. Es brauchte einen Lacher von Benjamin, damit ich’s merkte.

Das ist vielleicht mehr, als den Leser interessieren mag. Das ist sicherlich mehr, als was in ein öffentliches Weblog gehört. Aber es ist vielleicht auch ein Zeichen von Hoffnung dafür, dass Literatur nicht nur Unterhaltung sei.

Dieser Beitrag gehört vielleicht auch in diese Reihe:
“Spiegel und Maske”, von Markus A. Hediger
Was ich erzähle, geschieht, von Benjamin Stein
Erwiderung auf “Was ich erzähle, geschieht”, von Markus A. Hediger
Zimzum und Urknall, von Benjamin Stein
Dogmen, Mystik und Literatur, von Markus A. Hediger
Depesche zu Borges, von Benjamin Stein

am 21.05.2007

Das ist vielleicht mehr, als den Leser interessieren mag. Das ist sicherlich mehr, als was in ein öffentliches Weblog gehört.

Ich finde, man darf bei solchen Themen ruhig mal ganz persönlich werden. Immerhin machen auch diese Verstrickungen Dich als Menschen aus. Und ich komme ja hierher, um DICH zu lesen und DEINE Leseerfahrung zu teilen.

Ausserdem ist das inzwischen schon ja ein ganzer Diskurs geworden. Danke übrigens, dass Du das Inhaltsverzeichnis dieser Debatte pflegst. :-)

Benjamin Stein am 21.05.2007 um 21:28

Es gibt eine Stelle bei Robert Musils Roman “Der Mann ohne Eigenschaften”, wo Musil verschiedene Menschen beschreibt, die mit dem Glauben und dem Nichtglauben der anderen auf verschiedene Weise umgehen.
Da wird ein ungläubiger beschrieben, der sich über die Gläubigen stellt, er macht sich lustig über sie. Auf der anderen Seite beschreibt Musil dasselbe, ein Gläubiger stellt sich über einen Ungläubigen. Es ist dasselbe Verfahren, die gleiche Arroganz dem anderen gegenüber.
Anders beschreibt er einen ungläubigen, der den Glauben eines anderen sehr wohl achtet und respektiert und es gibt den Gläubigen, der den ungläubigen respektiert.
So etwas ist lebbar. In Sarajevo wurde das gelebt. Da gab es muslemische und serbische Ehen, es gab kroatische und serbische und kroatische und muslemische ehen und dazwischen gab es eine menge Menschen die trotz Konfession nichts vom Glauben wissen wollten.
Oder für mich immer noch das wunderbarste Beispiel ist die Innenstadt von Zenica, dort kann man innerhalb von dreihundert Metern wählen, ob man in eine evangelisch orthodoxe Kirche, in eine katholische, in eine Moschee oder sich doch lieber für ein Cafe entscheiden möchte.
Was ich damit sagen möchte, es gibt ein Recht auf frei Meinungsäußerung, nicht nur der Papst hat sie, sondern auch die, die ihn kritisieren und man darf ihn kritisieren, man darf jeden kritisieren, vorallem der, der Macht und Druck auf andere ausübt.

Herr H am 21.05.2007 um 21:54

In meiner Schreibwut ist mir gestern das Eigentliche verloren gegangen: Nämlich die Schwierigkeit, mit den eigenen (religiösen) Wurzeln so umzugehen, dass man sie nicht gleich ganz ausreisst. Das ist, gerade im Fall eines christlichen Hintergrunds, ein Problem: Denn was kann man vom Christentum behalten, wenn man an seinen Kern nicht mehr glauben kann? Schöne Gebäude? Eine spannende Kunstgeschichte?
Eine Möglichkeit, einen (wie auch immer ausgestalteten) christlichen Glauben zu entwickeln, gibt es nicht. Ohne Christus kein Christentum.
Der Möglichkeit, sich einer anderen Religion zuzuwenden, stehe ich extrem kritisch gegenüber. Ich werde, so intensiv ich mich damit auch beschäftige, nie Buddhist sein. Ich werde, so sehr ich mich auch ins Studium der Torah und des Talmud werfe, nie Jude sein. Das gilt für jede andere Religion.
So. Schluss jetzt.

@Benjamin: Das Persönlichste sind meine Erzählungen. In ihnen steckt(versteckt vielleicht) mehr von mir als in diesem ausschweifenden Exkurs. Das da oben ist ja in weiten Teilen einfach nur larmoyant. :-) Aber danke für Deine Gesprächsbereitschaft über dieses Thema. In unserer Debatte finde ich langsam zu einer Sprache, die es mir ermöglicht, zu äussern, was ich dazu denke und empfinde.

@Herr H: Kritik muss geübt werden, ich stimme Ihnen da voll und ganz zu. Mit meinem Exkurs über den Papst und die Kirche wollte ich nur dieses sagen: Wollen Sie diese Instanzen wirksam treffen, kritisieren Sie sie da, wo’s bei ihnen ums Eingemachte geht.

Markus am 22.05.2007 um 03:45

@Hilbi: Eben erst sah ich Ihren Kommentar auf dem Turmsegler und verstehe nun auch, was Sie genau meinen: Ich sage nicht, dass die Kritik an der Abtreibungspolitik der katholischen Kirche nicht berechtigt ist. Sie hat katastrophale Auswirkungen für die betroffenen Menschen. (Und Benjamin würde Ihnen da auch zustimmen, denn was zählt, sind unsere Taten und was wir durch sie bewirken.)
Mein Punkt ist der: dass diese Kritik die Kirche nicht trifft. Sie trifft sie nicht da, wos ihr wehtut. Wenn man die Haltung der Kirche verändern will, darf man nicht die Peripherie des Glaubenssystems beschiessen. Das löst bei der Kirche nur ein unangenehmes Kitzeln aus. Nur darauf wollte ich hinaus.

Markus am 22.05.2007 um 03:57

Oh ja ich begreife dass. Wenn ich mich in Rage schreibe werde ich oft genug sehr ungerecht eben deshalb weil ich glaube im recht zu sein, das ist merkwürdig. Ich habe mich sehr über ihren Kommentar gefreut.

Herr H am 22.05.2007 um 05:18
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