Eine unverzichtbar körperliche Erfahrung



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Wie nachhaltig mein Gottesbild mich geschädigt hat, ist mir letzte Nacht nochmals deutlich vor Augen geführt worden – durch ein sehr schönes, ein berührendes Erlebnis, das mir vorführte, wie falsch auch mein Vaterbild ist – und vor allem, wie falsch das Bild ist, das ich mir von mir selbst als Vater mache.

2
Die Beziehung zwischen einer brasilianischen Mutter und ihrem Kind ist sehr innig. Für einen als Schweizer auf konsequente Erziehungsmethoden getrimmten Mann zu innig manchmal. Die brasilianische Frau liebt das Wissen darum, dass das Kind von ihr abhängig ist, und schützend läuft sie ihrem Kleinen andauernd hinterher. Dem Vater, der das Kind auch einfach mal machen lassen will, wird da schnell der Vorwurf der Sorglosigkeit gemacht. Der Vater wird so – so zumindest fühlt es sich bisweilen an – zu einem Statisten gemacht: Nichts, was er mit der Kleinen unternimmt, nichts, wie er es tut, genügt den Ansprüchen der Mutter, und so überlässt er nach und nach das Terrain dem Profi. 

3
Die Abhängigkeit der Mutter von ihrem Kind äussert sich in unserer Familie unter anderem so, dass unsere Kleine nur in den Schlaf findet, wenn die Mutter bei ihr liegt. Es zeichneten sich also Horrorszenarien ab, als meine Frau für ihre Operation ins Spital musste und dort einige Tage verbringen würde. Die erste Nach ohne Mama war denn auch schrecklich für das Kind. Als am Abend die Müdigkeit kam, verlangte sie nach ihrer Mutter. Ich versuchte sie zu beruhigen, sang ihr Kinderlieder vor, trug sie auf dem Arm durch das dunkle Zimmer, aber nichts half. Weinend fiel sie schliesslich in einen unruhigen Schlaf, aus dem sie immer wieder nach Mama rufend erwachte. Dann hiess es, sie erneut in die Arme nehmen, erneut hilflos ihrem Weinen zuzuhören. 

4
Dann die Überraschung am gestrigen Abend: Als sie müde wurde und schlafen wollte, unterbrach sie ihr Spiel und verlangte, von mir auf den Schoss genommen zu werden. Still legte sie den Kopf an meine Schulter und gemeinsam warteten wir, bis der Schlaf kam. Während der Nacht dann erwachte sie ein einziges Mal. Sie rief „Papa!“, ich legte ihr meine Hand auf den Bauch und innerhalb von Augenblicken war sie wieder eingeschlafen.

5
Die Erfahrung, dass ein Kind sich an den Vater anlehnen und an seiner Schulter ruhig werden kann, hatte ich ganz vergessen. Nicht, weil meine Frau mir nie Gelegenheit gegeben hätte, sie zu machen. Nicht, weil ich es selber nie mit meinem eigenen Vater erlebt hätte. Wir hatten – bevor ich ins Internat kam – ein sehr inniges Verhältnis zueinander und ich kann mich gut an das Gefühl der absoluten Sicherheit erinnern, das ich immer hatte, wenn ich in seiner Nähe war.

6
Aber dann brach Gottes Willkürlichkeit in mein Leben ein und entfernte mich von meinem Vater. Gott, sagte man mir, ist jetzt dein Vater.

7
Ich habe mich in Gottes Gegenwart nie sicher, geschweige denn geborgen gefühlt. Ich misstraute ihm, traute ihm jederzeit zu, eine weitere Katastrophe in meinem Leben auszulösen, es kamen viele. Gott ist Gott und taugt als Vater nicht. Auch das Vatersein, das hat mich meine Tochter gelehrt, ist – wie das Mannsein – eine unverzichtbar körperliche Erfahrung. Vater kann nur sein, wer eine Schulter hat, die gerade so ist, dass ein Kind sich daran in den Schlaf schmiegen kann.


am 13.09.2008

Das ist eigenartig, so wahr es auch klingt. Wenn ich drüber nachdenke, stelle ich fest: je näher mir ein Clanmitglied steht (also in meinem Fall v.a. Eltern und Bruder), umso höher ist die Hemmschwelle für eine Umarmung. Eine Sache, die mich manchmal traurig stimmt, die ich aber nicht erzwingen kann. Selbiges gilt selbstverständlich nicht für exogame Liebesbeziehungen.

La Tortuga am 13.09.2008 um 18:57

Schöner Text. Und schade, dass es so viele Männer (nicht nur Väter) gibt, denen diese Schulter fehlt.

ksklein am 13.09.2008 um 20:12
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