Ein völlig überdrehter Geck
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Schwierige zehn Monate liegen hinter uns. Denke ich an die Zeit zurück, die seit unserer Rückkehr nach Brasilien im November letzten Jahres vergangen ist, empfinde ich sie als ungeheuer schwer. Am liebsten schüttelte ich sie von mir ab und machte sie ungeschehen. Aber sie lastet auf meinem Gemüt wie ein Gewicht, das ich nicht zu stemmen vermag. Und ich weiss nicht, ob es an der Schwere des hier Erlebten liegt oder an meiner Kraftlosigkeit.
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Denn genau besehen haben wir in den Monaten, die wir in Rio verbrachten, nicht wirklich viel erlebt. Es war eine ereignisarme Zeit, in keinster Weise mit dem aufregenden Abenteuer zu vergleichen, das ich mir vor meiner Abreise aus der Schweiz vorgestellt und auch erhofft hatte. Und dennoch ist mir das Herz schwer von Eindrücken, seine engen Kammern zugestellt wie die kleinen Räume unserer engen und überfüllten Wohnung an der Campos da Paz.
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Rückblickend erscheinen mir die Ausreisevorbereitungen interessanter, um ein Vielfaches spannender als die tatsächliche, anschliessende Auswanderung. Die Spannung, die es zwischen zu bewältigender Bürokratie und aufs Konkrete hinabzubrechendem Traum zu ertragen gab – mit dem Eintreffen in Rio brach sie in sich zusammen. Ein Bröckeln war’s vielmehr, ein langsames in sich Zusammensacken, ausgelöst zuerst durch die mangelnde Bewegungsfreiheit unter dem Dach meiner Schwiegereltern. Kaum angekommen, wollte ich mit der Realisierung meiner Pläne beginnen, doch dafür brauchte ich eigene Räume. Die Wohnungssuche verschleppte sich. Dann brachen die Allergien unserer Tochter aus; ich wurde von einer Mücke gestochen. Hohes Fieber, Gliederschmerzen. Auf das Dengue-Fieber folgte eine Lungenentzündung. Wieder hohes Fieber. Die Besuche in der Notaufnahme wurden Routine. Dann bot uns der Onkel meiner Frau eine Wohnung an.
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Von Krankheiten geschwächt, nahmen wir an.
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Was ich heute bitter bereue, denn von dem Moment an geschah nichts mehr. Erst später sollten wir erfahren, dass die Wohnung nicht nur äusserst schimmelanfällig und somit Gift für unsere Tochter war, sondern sich zudem in einer unfreundlichen, bedrohlichen Nachbarschaft befand. Ich liess mich davon in die Defensive treiben und zog mich zurück. Ich suchte Zuflucht im Schreiben und löste dadurch eine Reihe seelischer Prozesse aus, von denen ich mir heute nicht mehr sicher bin, ob sie gut oder auch nur notwendig waren. Der Umstand, dass daraus ein >>> Buch entstanden ist, ist mir nicht wirklich ein Trost.
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Auch wenn ich dadurch dem einen oder anderen alten Trauma vor allem in Bezug auf meinen christlichen Hintergrund auf die Spur kommen konnte – es hat mein Selbstverständnis erschüttert. Ich habe bislang ja viel Kraft aus meiner Opposition zu bestimmten Ausprägungen des christlichen Glaubens geschöpft und jetzt, da mir der Feind abhanden gekommen ist, ist mir diese Kraft abhanden gekommen. Schaue ich in den Spiegel, sehe ich nur noch die altgewordene Haut eines vormals völlig überdrehten Gecks.
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(Nicht nur mein Selbstbild hing von meinen andauernden Angriffen auf die Kirche ab. Auch mein Gottesbild war eng damit verknüpft. Die Erkenntnis, dass ich ganz alleine auf diesem Schlachtfeld das Schwert schwang und ein Feind gar nie existierte, hat nicht nur dazu geführt, dass ich den Menschen im Spiegel nicht mehr als mein Selbst erkennen mag – auch Gott ist mir fremd geworden. Und das ist, so empfinde ich es, mein grösster Verlust.)
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Es mutet schon fast absurd an, nach Brasilien auszuwandern und dann feststellen zu müssen: Was geschah, geschah in meinem Innnern.