Ein Superheld wird schwach ("Unter” - die Geschichte)

Alle Tausend Jahre wird der Menschheit die Gnade gewährt, dass ein Auserwählter auftritt, der allem Unrecht, allem Verbrechen, aller Gewalt ein Ende bereitet. Mit Superkräften ausgestattet, verhindert er Naturkatastrophen, vertreibt schwere Wolken aus wassergeplagten Regionen und bläst sie dahin, wo Dürre die Maisernte bedroht. Er blickt durch Wände, hört Radiowellen und Walgesang ohne spezielles Equipment ab und erfährt so über ungeheure Distanzen vom Bösen, das bedrängten Wesen dieser Welt gerade widerfährt. Er springt, hechtet, fliegt von Einsatz zu Einsatz, und bald sind die Zeitungen voll mit Bildern von ihm, dem Superhelden, dem Retter der Menschheit – dem Heiland, möchte manch Journalist am liebsten Schreiben, doch gerade noch zügelt er seine Euphorie, denn schon melden sich die Gottesmänner zu Wort, schreiben Leserbriefe, erheben mahnend ihre Stimmen auf den Strassen und Plätzen der Städte dieser Welt. Die Kirchen sind leer, seit niemand mehr um sein Leben fürchten muss, keiner geht mehr in die Gebetsstunden und Bibelkreise, denn da ist nichts mehr, worum man zu bangen, nichts mehr, wofür man zu beten hätte. „Gott wird nicht mehr gebraucht“, sagten die Gottesmänner, „Gott nicht, und seine Männer nicht.“ Und so machten sie sich auf, mitten in der Nacht, schlichen aus den Gotteshäusern in die Dunkelheit hinaus, auf der Suche nach einem leichten Mädchen. Sie fanden eines, bei dessen Anblick selbst sie schwach zu werden drohten, und engagierten sie.
Der Superheld, von der Freizügigkeit des Mädchens überwältigt, vergass die Welt. Er lag unter ihr, während Berge ins Tal donnerten, heftige Beben tiefe Furchen in die tektonischen Platten rissen, die Erde aufsprang und Öl ganze Landstriche überflutete. Von alledem merkte unser Superheld nichts. In seinem Innern tobte ein Feuer, sein Gesicht glühte, seine Hand stand in Flammen und sein Glied explodierte im höchsten Ergötzen, alles brannte, alles loderte, das Feuer sprang auf das Mädchen über, an das sich der Superheld klammerte, während das Beben in seinem tiefsten Innern langsam verebbte. Als er ganz erschöpft und von der Liebe überwältigt die Augen wieder öffnete, sah er gerade noch, wie die Welt über dem Mädchen zusammenbrach und es unter sich begrub. “Endzeit!” riefen die Gottesmänner und flohen fröhlich auf eine Wolke, die Gott extra für sie fest werden liess, damit sie die fromme Gesellschaft trug. Mittlerweile war das verkohlte Mädchen im festen Griff des sterbenden Superhelden zu einem Diamanten zusammengedrückt.
„Das hat noch jedes Mal wunderbar geklappt“, kommentierten die Gottesmänner zufrieden den Untergang der Welt. „Ein Superheld ist auch nur ein Mensch und die Liebe eine Schwäche, der keine Superkraft gewachsen ist.“ Bald würde die Erde unter ihnen wieder abkühlen und bereit sein für eine neue Zivilisation. Viel Zeit blieb den Gottesmännern nicht, und so wandten sie sich eilig den leichten Mädchen zu, die mit ihnen auf der Wolke sassen, und machten sich mit viel Elan an die Bevölkerung der neuen Welt.

[1. Stufe]
[2. Stufe]
[3. Stufe]

am 28.10.2007

Dem Jäger gab zur Antwort Gilgamesch:
“Geh, Jäger, hol dir eine Tempeldirne!
Wenn er das Wildgetier zur Tränke führt,
Soll sie sich ausziehn und sich nackt ihm bieten.
Erblickt er sie, so wird er sich ihr nahn.
Von da an aber wird das Wildgetier,
Das in der Steppe aufwuchs, vor ihm fliehn.”

[Die Übertragung von Hartmut Schmökel.]

dirk.schroeder am 28.10.2007 um 18:48
Seite 1 von 1

Name:

Email:

URL:

Ihr Kommentar:

Cookie?

Benachrichtigen?

Geben Sie die untenstehende Zeichenfolge ein: