Ein lokal begrenzter Stromausfall (2)
Vinícius liebt Überraschungen nicht. Er ist ein Gewohnheitsmensch. Es ist jeden Tag dieselbe Route, die er mit seinem Krämerwägelchen abläuft. Meist sind es auch dieselben Kunden, die ihm eine Tüte Kekse oder ein Dutzend Haargummis abkaufen. Immer dieselbe Grossmutter, die eine kleine Puppe oder ein Plastikauto für ihre Enkelkinder erwirbt. Er ist auf derselben Bank im Park zu Mittag, macht sein Geschäft diskret täglich hinter demselben Baum. Woche für Woche wiederholt sich die Routine und jede zufällige Abweichung davon erschreckt ihn. So, zum Beispiel, wenn ein Tourist auf ihn zukommt und ihn fragt, ob er ein Foto von ihm und seinem exotisch anmutenden Shop auf Rädern machen darf. Oder einem der beiden Räder plötzlich die Luft entweicht. Selbst eine geplatzte Birne einer Strassenlaterne, an der er auf dem Nachhauseweg jeden Abend vorbeikommt, bringt ihn aus dem Trott. Vinícius ist – und das ist vielleicht das Wort, das ihn am zutreffendsten beschreibt - ein misstrauischer Mensch.
Längst ist die Ampel wieder umgesprungen, der Verkehr wieder angerollt, und noch immer steht Vinícius auf derselben Strassenseite und starrt in die gegenüberliegende Finsternis. Er muss dort hinüber, wenn er nach Hause kommen will. Sein Weg führt über die Kreuzung, dann einen Häuserblock links am Supermarkt, der auch im Dunkeln liegt, und dann rechts einen Hügel hinauf. Aber Vinícius traut der Dunkelheit nicht. Nicht etwa, weil er sich davor fürchtete, sondern weil er sie nicht kennt. Die unbeleuchtete Nacht ist nicht Teil seines Lebens. Sie gehört nicht zu ihm. Selbst wenn er schläft, brennt ein Lichtlein zu Füssen der Heiligen Mutter Gottes, die neben seinem alten Bett und seit dem Tod seiner Frau über seinem Schlaf wacht.
Vielleicht wäre es besser, er wiche heute von seiner üblichen Route ab und suchte sich einen beleuchteten Umweg. Der Stromausfall ist sicherlich lokal begrenzt, ausgelöst durch einen Kurzschluss in einer der alten und seit Urzeiten nicht mehr renovierten Wohnungen. Vinícius blickt nach links, dann nach rechts: Auf seiner Strassenseite verliert sich die Lichterkette in beiden Richtungen im Tumult des feierabendlichen Verkehrs. Doch gegenüber verliert sich die Dunkelheit in der Ferne. Kein Licht, kein Lämpchen, kein Blitzen, nicht einmal ein Glimmen.