Dogmen, Mystik und Literatur
Lieber Benjamin,
Ich möchte - auch um Missverständnissen der Leser bezüglich meiner eigenen Position vorzubeugen - eines klarstellen: Ich bezeichne mich als Christen insofern, als ich in der christlichen Tradition verwurzelt bin - als Missionarssohn bin ich mit biblischen Geschichten aufgewachsen. Sie bedeuten mir mehr ("bedeuten" im Sinne von “deuten auf") als z.B. die Märchen der Gebrüder Grimm. Am Bett erzählte mir meine Mutter die Geschichte Davids, oder Daniels, oder Esthers. Aber: ich bin ein “leidender” Christ insofern, als ich versuche, zu einer Haltung zu finden, die es mir erlaubt, diesen Wurzeln gerecht zu werden (mich aus ihnen zu nähren) und gleichzeitig meine persönlichen, erarbeiteten Überzeugungen, die sich auffallenderweise sehr stark mit den von hier dargelegten decken, nicht verleugnen zu müssen. Was ist ein Glaube wert, wenn er dich nicht weiter gehen lässt?
Einen Weg dahin finde ich tatsächlich in der Mystik. Was du zu dogmatischen Haltungen und ihren Auswirkungen schreibst, unterschreibe ich ohne zu zögern. Ich habe die Dogmen auf meinem persönlichen Glaubensweg immer als Barriere empfunden, als Abkürzungsversuch zu endgültigen Antworten, manchmal auch als Verbotstafel: Bis hierhin und nicht weiter. Für einen, der seinen Glauben ernst nimmt, ist dies ein Todesurteil. Eine mystische Suche ist nur möglich, wenn man sich nackt macht.
Um auf die Literatur zurückzukommen: Mich interessiert die Darstellung von Wirklichkeit aus der Perspektive dessen, der hinter sie zu blicken versucht. Es ist klar, dass er auf dieser Suche nie hinter sie blicken wird, sondern immer “nur” auf eine weitere, andere Wirklichkeit. Literatur ist somit für mich ein Instrument der Entdeckung und Erschaffung der Welt in all ihrer grossen Zahl. Glaube ist für mich ein Weg, die Schöpfung zu entdecken und an ihr teilzuhaben. Die Arbeit des Schreibenden und die des Glaubenden Markus - in ihren Gründen sind sie identisch.
(Ob und inwieweit sich unsere Ansichten und Überzeugungen decken, wie ich oben sagte, müssten wir noch genauer prüfen. Im Moment aber, denke ich, ist es gut, wenn wir (ich zumindest habe dieses Bedürfnis) einige grundlegende Fragen klären - wie wir es jetzt gerade tun).
Verlauf der bisherigen Debatte mit Benjamin Stein:
“Spiegel und Maske”, von Markus A. Hediger
Was ich erzähle, geschieht, von Benjamin Stein
Erwiderung auf “Was ich erzähle, geschieht”, von Markus A. Hediger
Zimzum und Urknall, von Benjamin Stein
Dogmen, Mystik und Literatur, von Markus A. Hediger