Die Wolke
Mein Vater verliess uns an meinem fünften Geburtstag. Bevor er im Morgengrauen durch die Hintertür schlüpfte und verschwand, trat er noch an mein Bett, weckte mich und sagte: “Denk immer an mich.”
Er sagte auch: “Herzlichen Glückwunsch, mein Sohn. Jetzt schlaf noch ein bisschen.”
Die Rufe meiner Mutter nach ihrem Mann schreckten mich auf. Den ganzen Tag lang suchten wir ihn verzweifelt. Die Verzweiflung liess meine Mutter und meine fünf Brüder meinen Geburtstag vergessen. Wäre mein Vater dagewesen, hätte er nie erlaubt, dass jemand meinen Geburtstag vergisst.
Am Abend, als wir endlich alle begriffen hatten, dass Vater nicht verloren gegangen, sondern gegangen, freiwillig gegangen war, warf ich mich aufs Bett. Ich vergrub mein Gesicht im Kissen und schrie auf. Ich hatte meine Stirn an einer Schachtel gestossen. Die Schachtel war in farbiges Papier gewickelt. Es war ein Geburtstagsgeschenk, das mein Vater unter meinem Kissen versteckt hatte, als er gekommen war, um sich von mir zu verabschieden.
Als ich die Schachtel öffnete, fand ich darin die Zeichnung einer wunderschönen, weissen Wolke. Es war die erste Wolke, die ich in meinem Leben sah.
An meinem achtzehnten Geburtstag beschloss ich, die Wolke, die mein Vater für mich gezeichnet hatte, zu suchen. Dreizehn Jahre lang hatte ich davon geträumt, diese Wolke zu finden. In meinen Träumen sah ich meinen Vater, wie er vor der Wolke sass, in der Hand einen Stift und auf dem Schoss ein Blatt Papier, auf das er die Wolke übertrug.
Ich bereiste die Welt. Ich suchte und fand viele Wolken, aber keine war so weiss und so schön wie die Wolke, die Vater für mich gezeichnet hatte. Mitten in der Wüste von Marrokko stiess ich auf einen Mann, der auf dem Boden sass. In der Hand hielt er einen Stift, auf seinem Schoss lag ein Blatt Papier. Ich erkannte darauf die Wolke meiner Kindheit. Ich blickte in den Himmel und sah nicht eine Wolke. Der Himmel war blau, tief und blau. Tränen rannen über die Wangen meines Vaters.
“Weshalb hast du uns verlassen?” fragte ich.
“Ich hatte keine Wahl. Ich darf nicht sterben, ohne vorher die Wolke meiner Träume zu sehen”, antwortete er traurig.
Ich weiss noch, dass ich versuchte, es ihm zu erklären. Ein Traum sei ein Traum, sagte ich, und was wir in unseren Träumen sähen, existiere nicht in der wirklichen Welt. Was wir mit geschlossenen Augen sähen, sei völlig anders als das, was wir sähen, wenn wir sie öffneten. Das sei doch logisch. Er müsse nur die Augen schliessen, um die Wolke zu sehen, die er suche.
“Komm mit mir nach Hause”, sagte ich.
“Ich kann nicht”, erwiderte er. “Du wirst es verstehen, sobald du deine Augen öffnest.”
In diesem Augenblick erwachte ich. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass im Traum dreizehn Jahre in einer einzigen Nacht vergehen.
