Die Welt ist eine Linie.

Verbietet die Sprache! sage ich. Verklebt uns den Mund, schneidet uns die Zunge raus, nehmt uns den Stift aus der Hand und hackt uns die Finger ab! Denn was wir sagen und was wir schreiben, widerspricht dem Lauf der Welt.
Die Welt ist Resultat einer komplexen Abfolge von Ursache und Wirkung, nichts wirkt in ihr, ohne dass es Ursache dafür wäre, keine Ursache lässt sich finden, die nicht Wirkung einer ihr zugrunde liegenden Ursache wäre. Ohne Arbeit kein Geld, keine Arbeit ohne Arbeitgeber, kein Arbeitgeber ohne Mutter, keine Mutter ohne Vater, kein Vater ohne Geschlecht. Es gelten in der Welt die Prinzipien des ausgeschlossenen Dritten, der Zweiwertigkeit und auch der Extensionalität. Die Welt ist logisch.
Die Sprache ist es nicht. Sie schliesst das Dritte wieder ein, sie lässt das Wahre falsch sein, in ihr wirkt das Zukünftige in die Vergangenheit, die Gegenwart ist nur ein Wort. Die Sprache zeigt uns eine Welt, wie sie nicht ist. Sprache sagt: Die Welt ist eine Kugel. Dabei ist es die Sprache, die sich um sich selbst dreht.
Wehe dem, der den Mund auftut und seinen eigenen Worten glaubt. 

am 27.07.2007

Aber mein sehr verehrter Herr, das hört sich ja fast wie der Aufruf zur Revolution an. Nun gut, ich bin dabei :-) Mit Tastatur und schnellem DSL Laufwerk gegen den Untrieb der Mächtigen, gegen die Haushaltsgesetze die immer dort erhöhen wo es eigentlich was zu holen gäbe.
Wer schuld ist? Das Kapital! Das kann man auch wissen ohne Kommunist zu sein, denn Kommunisten sind ja auch nur Beuteltiere, das weiß ich spätestens seit ich Peter Esterhazys “Verbesserte Ausgabe” lese. Ein Buch dass ich jeden ans Herz legen möchte, weil es sensibel ist, weil es Weltliteratur ist, weil Esterhazy eine Sprache gefunden hat um seinen eigenen Vater zu demaskieren.
Das geschah nicht aus einer Laune heraus, sondern aus der Not, oder der Wahrheitsfindung, wie auch immer.
Das ist Literatur, sie muss geschrieben werden, es ist ein Drang, ein Wert in der Welt der gebeutelte zu sein, es ist das traurigste Schicksal, aber auch das einzige dass einem Schreibenden bleibt.

am 27.07.2007 um 06:14

Revolution? Die Sprache dient der Revolution, vielleicht so, ja, aber nie umgekehrt.
Dieser Beitrag ist eher nüchterne Feststellung. Ich ging von einem anderen Gedanken aus: Versuchen Sie mal, nach den Gesetzen Ihrer Sprache zu leben, und Sie werden sehr schnell sehen, wie vehement und schnell Ihr Umfeld Sie niedermacht.

Markus am 27.07.2007 um 06:29

Das verstehe ich nicht, wieso niedermacht? Mein Umfeld macht mich sicher nicht nieder, eher im Gegenteil, zwar ist dieses Umfeld verschwunden, aber niedergemacht hat es mich nie. Ganz im Gegenteil, ohne dieses Umfeld hätte ich mich wahrscheinlich selber schon niedergemacht, auf jeden Fall war ich auf dem besten Wege und nach den Gesetzen von Sprache zu leben halte ich für ziemlich, na ja, wie soll das gehen und was würde eine Sibylle Berg da tun, wenn sie nach den Gesetzen ihrer Sprache geht, sie würde wahrscheinlich längst den Freitod gesucht haben, wie Beckett, Jelinek oder andere.
Die Sprache rettet einem doch gerade davor nicht dass zu tun, was man im inneren gerade fühlt. So soll es doch schon bei Goethe und seinem Werther gewesen sein. Der gute Goethe war seinerzeit in wetzlar sehr unglücklich, nicht nur dass die Stadt tatsächlich noch öder ist als Giessen, er war auch noch verliebt in eine Charlotte, für die er durchaus bereit war alles zu tun. Aber leider war Charlotte schon vergeben. Gerade zu jener Zeit brachte sich ein Mann aus Liebeskummer in Wetzlar um.
Als Goethe von Wetzlar floh (und er floh wirklich), schrieb er kurze Zeit später den Werther und er schrieb ihn weil er weiterleben wollte.
Wenn wir also schreiben, dass die Welt ein grauen ist, wünschen wir uns doch nichts sehnlicher als dass es anders sein möchte, darum schreibt man doch, auch

am 27.07.2007 um 06:48

Also nochmals von vorn und damit zurück zu meinem Beitrag: Darin ging es um die scheinbare Linearität der Welt, nach der sich so ziemlich alles - nicht nur die Marktwirtschaft - ausrichtet. Dann sprach ich von der Sprache, die in ihrem Wesen alles andere als linear ist. Wenn einer sich nun entschlösse, dem Wesen der Sprache gemäss zu leben, käme er sehr schnell in Konflikt mit seinem Umfeld.
Die Verwendung von Sprache, wie Sie sie in Ihrem Beitrag als Beispiel anführen, ist eine (vielleicht auch erst im Nachhinein) funktionalisierte. “Ich schreibe um nicht zu sterben.” Genau darum geht es mir aber nicht. Sondern eher: “Wenn die Sprache mir eine Pistole an den Kopf hält, weiss ich nie, ob sie tatsächlich abdrücken wird. Es liegt ganz bei ihr.”
Also: Wenn wir die Sprache nicht als eine unserer Funktionalitäten verstehen, sondern uns als eine der vielen Funktionen der Sprache - was dann?

Markus am 27.07.2007 um 06:57

Nachtrag: Sprache und Welt klaffen auseinander. Das ist vielleicht die einzig relevante Aussage meines Beitrags.

Markus am 27.07.2007 um 07:12

"Also: Wenn wir die Sprache nicht als eine unserer Funktionalitäten verstehen, sondern uns als eine der vielen Funktionen der Sprache - was dann?”

das hört sich wunderbar an, aber ich verstehe es nicht.

Ich glaube auch nicht dass die Welt logisch ist, der Krieg im ehemaligen Jugoslawien um ein Beispiel zu nennen weil es mir sehr nah ist, war
nicht logisch.
Sprache dagegen kann uns diesen Irrsinn näher bringen und so ist nur die Sprache logisch, aber der Irrsinn doch nicht.

Versuchen wir nicht worte für etwas zu finden für dass es keine Worte gibt?
Verstehen sie mich nicht falsch, vielleicht bin ich ja, wie leider oft, völlig auf dem Holzweg.
Aber sehen sie sich nur Peter Esterhazy an, er hat seinen Vater vergöttert, er hat im ein Denkmal mit seinem Roman “Harmonia Calestis” gesetzt und das war linear und logisch, wenn sie so wollen, aber dann erfährt er dass sein Vater ein Spitzel war und das wirft mit einemmal seine ganze Welt um und er beschreibt sie, diese umgeworfene Welt.

Ach je, sie werden mir wieder böse sein. Aber erklären Sie mir es bitte trotzdem noch einmal was sie meinen, worin liegt der Unterschied zwischen der (un)logischen Welt und dem logischen Schreiben

am 27.07.2007 um 07:18

Ich bin Ihnen nicht böse, wie könnte ich.
Mit Ihren Fragen bringen Sie mich jedoch in eine verzwickte Situation - ich müsste, wollte ich eine präzise Antwort geben - einen Essay schreiben.
Um es verkürzt auszudrücken: Nehmen Sie als Beispiel die Geschichte über den Engel Madalena, die ich gerade schreibe. In der Sprache, im Text, ist Madalenas Existenz unbestritten. Sie ist - wahr. Ausserhalb des Textes aber würde ihre Existenz heftigst bestritten, da gehe ich jede Wette ein. Wenn ich als Dichter (oder Leser) nun die Wahrheit des Textes höher werte als jene der Welt, gerate ich unweigerlich in Konflikte.
Im Fall Esterhazys war es - wenn ich Sie richtig verstanden habe - genau umgekehrt. Er hat die Wahrheit der Welt ("Mein Vater war ein Spitzel") höher gewertet als die Wahrheit des Buches, das er über ihn geschrieben hatte. Hier geriet Esterhazy mit einem Text in Konflikt.

Das ist jetzt sehr verkürzt ausgedrückt. Aber vielleicht macht es die Problematik deutlich.
(Ich spiele in dieser ganzen Diskussion natürlich auch auf einen Kollegen an, der sich entschloss, ganz der Sprache zu folgen (was enorm viel Mut voraussetzt) und jetzt von allen Seiten unter Beschuss gerät (was nun viel Kraft fordert).)

Markus am 27.07.2007 um 07:49

JETZT! hab ich es verstanden.
Es ist wie Pinochio oder? Ich liebe diese Figur, deshalb ist das überhaupt keine Beleidung, man setzt etwas in die Welt das vorher noch nicht da war. (das tut Kafka auch ständig, oder tat er es, nein er tut es, immer wenn man ihn aufschlägt...gregor samsa ist so einer und irgendwie ja auch meine Elke)
Aber noch etwas zu Esterhazy, tatsächlich war es umgekehrt bei ihm, er machte aus seinem Vater etwas dass er nicht war und nun rutschte er ab, Esterhazy und wir nehmen daran teil, jeder der will und wir geniessen es auch noch, nicht den Abrutsch, sondern die Sprache.

am 27.07.2007 um 08:02

pinocchio...natürlich

am 27.07.2007 um 08:03

"(Ich spiele in dieser ganzen Diskussion natürlich auch auf einen Kollegen an, der sich entschloss, ganz der Sprache zu folgen (was enorm viel Mut voraussetzt) und jetzt von allen Seiten unter Beschuss gerät (was nun viel Kraft fordert).) “

Da schieße ich nicht mit, genausowenig wie Sie! ;) Im Gegenteil. Und “alle Seiten” könnten auch in der Minderheit sein, wenn sich mal die zu Wort melden würden, die noch ein sehendes Herz besitzen. (die lesen nur an den falschen Stellen)

“Die Sprache zeigt uns eine Welt, wie sie nicht ist. “
- wieso, bevor sie (die Welt) zur Sprache wird, existiert sie (in der Sichtweise des Schreibenden) doch im Kopf des Schreibers.
Alles, was im Kopf existiert, ist nicht weniger wahr/ unwahr als all das, was außerhalb dessen (falls da noch etwas ist außer unserem privatem Kopfkino) ist.

Wenn wir der Sprache des Herzens folgen, werden wir seltener fehlgeleitet.

Biggy am 27.07.2007 um 12:31

und jetzt von allen Seiten unter Beschuss gerät

Ich meinte da nicht unbedingt seine Kritiker, sondern sein Umfeld, das auf seine Lebensweise reagiert, ob nun Mensch oder Sachverhalt.

wieso, bevor sie (die Welt) zur Sprache wird, existiert sie (in der Sichtweise des Schreibenden) doch im Kopf des Schreibers

Ich bin froh, sprechen Sie das an. Ich denke andauernd an dieser Frage herum. Dass die Sprache und unser Denken einen ganz wesentlichen Einfluss auf unsere Sicht der Welt hat, scheint mir unbestritten. Und doch zögere ich, so weit zu gehen und zu sagen, die Welt existiert nur in mir. Es gibt Dinge, die sich dem Einfluss meiner Sprache entziehen, Zwänge, die da sind und sich nicht wegreden lassen, wie zum Beispiel die Notwendigkeit, einem Brotjob nachgehen zu müssen. Wenn ich es nicht tue (Geld verdiene), gebe ich diesen Zwang an eine andere Person weiter. Der Zwang aber bleibt.
Das Schöne daran (an der Annahme, es gibt eine Welt ausserhalb meines Kopfes) ist, dass es mehr gibt, als das, was in meinen Kopf passt!

Markus am 27.07.2007 um 13:08

Das unterschreibe ich alles!

Am Rande zitiere ich mich selbst zu der Frage (die sich in einem anderen Zusammenhang ergab), die auch Sie so beschäftigt:

Nach konstruktivistischem Ansatz wird die menschliche Erkenntnis als Konstruktionsprozess betrachtet, die Wahrnehmung von Wirklichkeit als Wirklichkeitskontruktion und die Kommunikation als Konstruktionsprozeß.
Das bedeutet, dass unsere „reale Welt“ nur ein kognitive Idee ist. Sie kann an sich nicht objektiv erfahren werden, weil jeder sie anders erfährt. Der Mensch kann nicht Objekt und Subjekt der Beobachtung zugleich sein. Wir können nur unsere eigene persönliche Welt wahrnehmen.

Betrachtet man dies weiter konstruktiv, dann heißt das:

Jeder Mensch ist eine für sich abgeschlossene Wesenseinheit, tritt nicht in Kommunkationsprozesse im Sinne von Austausch ein. Er ermöglicht lediglich (durch Bereitstellen von Teilen seiner Erfahrungswelt) die Aufnahme und Verarbeitung dieser Informationen in eine andere, eigene, Erfahrungswelt.
Das heißt, dass z.B. auch Künstler und Schriftsteller Erfahrungen des Erlebten (sich Welten konstruierenden) Gegenüber in ihre Arbeit einbauen.
Jeder Mensch (nicht nur die Kreativen) konstruiert, baut seine eigenen Erfahrungen und die Erfahrungen anderer in sein Weltverständnis ein. (Quelle: Kommunikation)

Biggy am 27.07.2007 um 13:35

Sorry, mit der Linksetzung zu den Zielen meines Blogs stimmt hier etwas nicht, deshalb nochmals so:

http://mehrschichtig.twoday.net/topics/Ziele+dieses+Bloggs/

Biggy am 27.07.2007 um 13:39

(es fehlte ein Leerschlag nach dem Link und vor “target=”, hab’s korrigiert. Und danke für den Hinweis!
Auch interessant ist dort das Zitat von Luhmann:
<blockquote<"Die Regel, es sei nicht möglich, nicht zu kommunizieren, gilt nur innerhalb von Interaktionssystemen unter Anwesenden, und selbst hier regelt sie nur, dass, nicht was kommuniziert wird."</blockquote>

Aber es wird kommuniziert, d.h. wir lösen mit dem, was wir sagen und tun, etwas aus, das aber wiederum auf uns zurückwirkt. (Das meinte ich mit “Zwängen”.) )

Markus am 27.07.2007 um 13:50
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