Die Sachen wieder
1
Es geht mir nicht gut heute. Ich bin entmutigt, ausgepumpt, stehe mit dem Rücken zur Wand. Ich bringe die Kraft nicht auf, mich aufzurappeln und den entscheidenden Schritt zu tun. Den Computer auszuschalten und aus der Tür zu treten.
2
Vor wenigen Stunden noch habe ich versucht, mir Mut zuzureden. Davon ist nichts mehr geblieben, und jetzt, zum ersten Mal, seit wir im November hier ankamen, zweifle ich an der Richtigkeit unseres Umzugs nach Brasilien. Fünf Monate und eine Menge Menge Kohle für die Katz.
3
Ich bin wütend, weil ich mich nicht zu der Klarheit durchringen kann, die ich benötige, um in dieser Stadt aktiv werden zu können. Ich bin wütend, weil ich mich konfus machen lasse von einer Umgebung, die ich nicht verstehe. Gehässigkeit steht mir nicht gut, aber im Moment bin ich ihr ziemlich rat- und hilflos ausgesetzt. So mag ich mich nicht.
4
Ich frage mich auch, ob ich nicht vorschnell ein Kapitel begonnen habe. Habe meine Sachen gepackt und habe die Schweiz verlassen, obwohl ich in der Rekonstruktion meines Lebens noch kaum in der Schweiz angekommen bin. Mindestens fünfzehn Jahre, die ich dort verbrachte, wären noch zu erzählen. Aus jedem Kapitel ergibt sich das nächste, jeder Autor weiss das, woher also nahm ich die Gewissheit, eine Rückkehr nach Brasilien sei nun das Gescheiteste? Vielleicht werde ich, sind die fehlenden Kapitel geschrieben, zum Schluss kommen, dass die Geschichte einen anderen Verlauf verlangt und einem Geschehen zustrebt, das nicht in Brasilien stattfindet?
5
Die Sachen packen? Die Sachen wieder packen?
am 31.03.2008
... Wie schnell ist denn “das” gekommen? Ganz plötzlich in diesen Tagen oder schleichend seit dem Umzug? Gehts Deiner Familie ebenso?
Erfahrungsgemäss ist es in solchen Situationen meist indiziert, erst mal GAR NICHTS zu unternehmen. Keine Entscheidung treffen, kein Hyperaktionismus, so ein Loch zeichnet sich ja gerade durch Entscheidungsunfähigkeit aus. Also stillhalten, aussitzen und bloss keine Energie verschwenden.
Für mich klingts ein bisschen, als würdest Du zu hohe Forderungen an Dich selbst stellen ("in dieser Stadt aktiv werden") - wie wärs, wenn zuerst einmal die Stadt etwas für Dich täte? Ein Zeichen, irgendwas, das Dich wissen lässt, was das Richtige ist. Diese südamerikanischen Magieeinbrüche.
Bin ratlos und kann leider auch nicht weiterhelfen, aber ich schicke eine Breitseite Mitgefühl.
La Tortuga am 31.03.2008 um 14:19
Im Grunde sind solche Krisen ja nicht a priori was Schlechtes. Sie sind aber unangenehm.
Angebahnt hat sich dieses Loch ja seit einiger Zeit in einer Unzufriedenheit mit Rio als Lebensraum (heute bin ich mir nicht sicher, ob es an Rio liegt. Wahrscheinlich eher an mir.) Auch kehrt man nicht ungestraft in das Land seiner Kindheit zurück und setzt sich so damit auseinander, wie ich es seit Februar in meiner Kolumne auf P.-’s Veranda tue. Auf die Länge hält das kein Schwein aus.
Dein Rat, erstmal nichts zu tun, wird beherzigt. Heute Nachmittag (hier ist es ja noch nicht mal Mittag) machen wir einen Ausflug in den Botanischen Garten und gehen ein bisschen unter Palmen wandeln (auch wenn das - gemäss Goethes Wahlverwandtschaften - ebenfalls nicht ungestraft bleibt).
Markus am 31.03.2008 um 14:34
Vielleicht haben Orte es generell an sich, dass man am liebsten immer woanders wäre; besonders die Orte, nach denen man sich lange gesehnt hat. Das “Hans-im-Schnäggeloch"-Phänomen. Natürlich liegt es an den Menschen, nicht an den Orten selbst. Mit den Zeiten ist es dasselbe, aber wenigstens sind wir der Entscheidung enthoben, in welcher Zeit wir leben wollen.
Und ungestraft bliebt natürlich sowieso nichts. ... Waren das Palmen bei Goethe?! Also ich mach mir keine Sorgen. Botanik ist immer gut fürs Gemüt. Und nicht vergessen: Unmengen Avocado essen, die dicken fetten dunkelgelben! Besseres Antidepressivum ist nicht in der Nähe des Äquators.
La Tortuga am 31.03.2008 um 17:08
Deinen Beitrag gelesen und mich an das erinnert:
Der Auszug des verlorenen Sohnes
Nun fortzugehn von alledem Verworrnen,
das unser ist und uns doch nicht gehört,
das, wie das Wasser in den alten Bornen,
uns zitternd spiegelt und das Bild zerstört;
von allem diesen, das sich wie mit Dornen
noch einmal an uns anhängt - fortzugehn
und Das und Den,
die man schon nicht mehr sah
(so täglich waren sie und so gewöhnlich),
auf einmal anzuschauen: sanft, versöhnlich
und wie an einem Anfang und von nah;
und ahnend einzusehn, wie unpersönlich,
wie über alle hin das Leid geschah,
von dem die Kindheit voll war bis zum Rand -:
Und dann doch fortzugehen, Hand aus Hand,
als ob man ein Geheiltes neu zerrisse,
und fortzugehn: wohin? Ins Ungewisse,
weit in ein unverwandtes warmes Land,
das hinter allem Handeln wie Kulisse
gleichgültig sein wird: Garten oder Wand;
und fortzugehn: warum? Aus Drang, aus Artung,
aus Ungeduld, aus dunkler Erwartung,
aus Unverständlichkeit und Unverstand:
Dies alles auf sich nehmen und vergebens
vielleicht Gehaltnes fallen lassen, um
allein zu sterben, wissend nicht warum -
Ist das der Eingang eines neuen Lebens?
(Rainer Maria Rilke aus ‚ Neue Gedichte‘)
Margot S. Baumann am 01.04.2008 um 09:11
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