Die letzten Tage (7). Der vertriebene Engel.
Die Bevölkerung von Ushuaia hatte sich mittlerweile an Madalenas Anwesenheit gewöhnt. Böses war ausgeblieben und langsam wich das Gefühl von Bedrohung einem milden Lächeln, wenn Madalenas Schatten über ihre Köpfe hinweg huschte. Doch dann kam der Oktober, amerikanische Spionageflugzeuge entdeckten russische Langstreckenraketen auf Kuba. Im Fernsehen wurden Bilder von sich öffnenden Raketensilos gezeigt, man sah Archivaufnahmen von Atomtests, Experten sprachen von der weltweiten Verwüstung, die ein Atomkrieg zwischen Amerika und der Sowjetunion nach sich ziehen würde. Bestenfalls, gaben bedrückte Biologen zu bedenken, überlebten Kakerlaken die atomar verstrahlte Welt.
Ich sass zuhause vor unserem Fernsehgerät, blickte, vor Angst erstarrt, auf einen ernst dreinblickenden Kennedy, traurig kauerte Pedro neben mir auf dem Sofa und kämpfte mit den Tränen.
Plötzlich hörten wir herannahenden Lärm, wir stürzten hinaus und sahen eine aufgebrachte Menge, die meinen Engel vor sich hertrieb. Mit Flüchen und Steinen warf das wütende Volk nach Madalena. Ich versuchte, mich schützend zwischen sie und den Mob zu stellen, doch wer war ich, dass ich etwas gegen diesen Zorn hätte ausrichten können, und so hetzte man Madalena zur Stadt hinaus.
“Madalena hat mit Kuba doch gar nichts zu tun!” rief ich entsetzt.
Ich folgte, nur um meine Madalena nicht aus den Augen zu verlieren, und musste mit ansehen, wie sie immer wieder von einem Stein getroffen wurde. Bei jedem Stein, der sie traf, zuckte sie zusammen und geriet dadurch nicht selten in eine instabile Fluglage. Jedes Mal, wenn sie der Erde entgegentrudelte, wo die Meute mit schlagbereiten Stöcken ihren Fall erwartete, hielt ich den Atem an. “Mach, dass du weg kommst, Madalena!” schrie ich.
Da, endlich, sah Madalena ein, dass sie in Ushuaia nicht bleiben konnte. Sie schlug einige Male mit den Flügeln und verschwand in die Wolken.