Die letzten Tage (6). Auf Augenhöhe mit einem Engel.
"So kann das nicht weitergehen”, eröffnete mir Pedro eines Tages. “Du bist so verliebt, dass du gar nicht siehst, wie arg es um unsere Welt bestellt ist. Wir stehen am Rand eines grossen Krieges und du rührst dich nicht.”
Er half mir, Flügel aus Seidenpapier zu basteln, das wir aus seinen alten, farbigen Papierdrachen schnitten. Lieber wären mir schneeweisse Flügel gewesen, aber dafür hatte Mutter dann doch kein Verständnis. Eigenes Geld besass ich nicht.
“Wir hängen dich nachts, wenn es schon dunkel ist, an den Laternenpfosten. Madalena wird gar nicht auffallen, dass du mit diesen Flügeln eher wie ein Papagei denn wie ein Engel aussiehst”, beruhigte mich Pedro.
Ich werde direkt unter dem Strassenlicht hängen, wie soll ich da nicht auffallen! wollte ich einwenden, doch ich liess es bleiben. Ich hatte keine andere Wahl.
Mit einem Seilzug zog er mich in die Höhe. Und dort hing ich dann und wartete darauf, dass Madalena geflogen kam.
Sie erschrak, als sie mir das erste Mal auf Augenhöhe begegnete. Madalena erholte sich rasch von ihrem Schreck, gekonnt verbarg sie ihre Verwunderung und glitt an mir vorüber. Ich schlug mit meinen Flügeln, doch sie blickte nicht zurück. Als sie das zweite Mal vorbeischwebte, schenkte sie mir ein Lächeln. “Hallo”, sagte ich schüchtern, aber sie antwortete nicht.
Nächtelang hing ich an der Strassenbeleuchtung. Während ich darauf wartete, dass sie herbeigeschwebt kam, versuchte ich Mut zu fassen, bis – eines Nachts – ich ihr endlich meine Liebe bekannte.
“Ich liebe dich”, sagte ich.
Und da, zum ersten Mal, sah ich Erstaunen in Madalenas Augen.