Die letzten Tage (3). Der schweigende Himmelsbote.
Die Bewohner von Ushuaia versuchten, die Anwesenheit des Engels zu ignorieren. Es gefiel ihnen nicht, dass der Engel ausgerechnet diese ruhige Stadt am südlichen Ende der Welt für sein Erscheinen ausgewählt hatte. Man war abergläubisch in Ushuaia und die Allgegenwart des himmlischen Boten an ihrem Himmel machte die Leute nervös.
“Bote?” schimpften etwa die Fischer. “Dieser Engel schweigt, sagt nichts, schaut uns nur über die Schultern und in die Schlafzimmer, fliegt weiter und sagt gar nichts! Das kann ja nichts Gutes bedeuten!”
Auch der Priester störte sich daran. Engel erschienen dem Menschen in der Regel nur, wenn sie eine Botschaft vom Heiland zu überbringen hatten. Dieser Engel aber schwieg. Was bedeutete das? Dass der Allmächtige nichts mehr zu sagen hatte? Um Himmels willen.
Das Lokalfernsehen, dem einige Minuten hervorragender Aufnahmen vom Engel im sanften Flug gelungen waren, strahlte die Bilder nicht aus. Ebenso schwiegen sich die Radiostationen über das Thema aus. Die Nachricht hätte sich wie ein Lauffeuer um die Welt verbreitet und zahllose Touristen angelockt – aber die Angst wog schwerer als die Aussicht auf schnelles Geld. Ein schweigender Engel galt als schlechtes Omen. Es wurde gemutmasst, das Ende sei nahe. Die Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion waren angespannt, seit letztere vor wenigen Monaten ein Handelsabkommen mit Kuba abgeschlossen und die USA daraufhin jegliche Geschäftemacherei mit Fidel verboten hatte.
Der Engel über Ushuaia, ein Todesengel? Allein dieser Verdacht machte seine Nähe unerträglich.
Einige versuchten, ihn mit Lärm, andere mit bösen Blicken zu vertreiben – vergeblich. Keiner getraute sich, Gewalt anzuwenden – mit einem Besen nach ihm zu schlagen etwa, oder gar mit einer Harpune aus dem Wahlfängermuseum auf ihn zu schiessen. Also versuchte man, ihn nicht weiter zu beachten. Aber es dauerte eine Weile, bis man nicht mehr erschrak, wenn man gerade zu Mittag ass und ein Engel lautlos am Fenster vorüberglitt.