Die Lagerhalle

Wo unzeitgemässe, aus der Mode gekommene Räume eingelagert werden. Sie werden nicht eingerissen, nein, Mode durchläuft bekanntlich Zyklen. Kehren kunstästhetische Strömungen wieder, bedarf es nur geringer Restaurierungs- und Modernisierungsarbeiten, um einen Raum wieder gesellschaftsfähig zu machen. Sprache entwickelt sich ja.
Eine Bibliothek? fragt die Philosophin.
Er schlendert voraus, sie öffnet eine andere Tür, schliesst sie hinter sich. Selten bleibt sie an einem Fenster stehen. Dann blickt sie hinaus, geniesst die Aussicht, wie jene auf die Industrieanlagen mit ihren dampfenden Schornsteinen. In diesem Zimmer verbrachte sie die ersten Jahre ihres Lebens. Erinnerungen steigen auf. Sie weicht in einen anderen Raum aus. Da ist das Schifffahrtsmuseum, das sie bewog, nach den Gründen zu fragen.
Vor einem Fenster, unter dem die Worte

Sonnenuntergang im Frühling

geschrieben stehen, setzt sie sich hin. Es klopft an die Tür, der Maurer steckt seinen Kopf hinein.
Ach, da bist du also.
Er setzt sich zu ihr.
Schön, nicht wahr.
Doch die Philosophin antwortet nicht. Sie steht auf, tritt ans Fenster und mit den Fingernägeln kratzt sie die Sonne aus dem Satz.
Schweigend beobachten beide, wie sich der Ausblick verändert.
Das kann’s doch nicht sein, oder? meint sie und geht.

am 27.10.2006

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