Die Kühlbox (5)
„Wir durften Luíz kaum noch anfassen. Er ertrug Berührungen nicht. Ich nutzte jede Gelegenheit und schlug ihn, wann immer ich konnte. Er wehrte sich nicht. Selten setzte er sich jetzt noch hin, verbrachte viel Zeit im Stehen. Manchmal weinte er sogar, wenn er ins Bett sollte. Eines Tages bemerkte Mutter, dass sämtliche Watte aus dem Badezimmer verschwunden war.“
Rosa war aufgestanden, hatte vom Fenster aus mit dem Rücken zu mir erzählt. Jetzt wendet sie sich mir wieder zu und setzt sich neben mich aufs Sofa. Ruhig aber entschlossen nimmt sie das aufgeschlagene Album von meinem Schoss, legt es auf ihre schmalen Schenkel. Sie blättert kurz darin, dann hebt sie es ein bisschen an, damit auch ich es sehen kann.
Es ist ein Foto vom geöffneten Schuhschrank im Flur. Unter all den Schuhen, Sandalen und Stiefeln der Familie fällt mein Blick sofort auf die Einlagen aus Watte.
„Diese dunklen Schatten auf der Watte – ist das Blut?“
„Jeder Druck auf Luíz Haut bewirkte, dass sie aufplatzte. Luíz muss das Gehen höllische Schmerzen bereitet haben. Er hat sich aber nie darüber beklagt, merkwürdig, nicht? Wie stolz ein solcher Junge sein kann…“
„Nur, damit ich das verstehe und es auch meinen Lesern klarmachen kann: Sie fanden es nicht eigenartig? Luíz’ Berührungsangst, diese Blutungen, sein seltsames Verhalten?“
„Sie sehen innerhalb von Minuten eine Entwicklung, die sich über Jahre hinwegzog – vergessen Sie das nicht.“
„Luíz selbst wollte nie einen Arzt aufsuchen?“
„Ich glaube, er schämte sich. Er steckte ja mitten in der Pubertät, der arme Junge. Aber irgendwie, und besser als wir alle, muss er gewusst haben, was mit ihm vor sich ging. 1962, als wir unsere Wunschliste für Weihnachten erstellen sollten, wünschte Luíz sich eine Kühlbox.“