Der Minutenmensch (2). Bildloses
Mit dem Wechsel vom Elternhaus ins Internat im Alter von sechs Jahren bricht die Flut an Bildern, die mein Leben dokumentieren, ab. Vater mit seiner Kamera ist 2000 Kilometer entfernt, er schiesst weiter Bilder, aber nicht von mir. Es liegt eine Verletzung in diesem Bruch, nicht nur im kindlich empfundenen Verlassensein von den Eltern, auch und vor allem im Fehlen von Bildern, in denen ich mich wiedererkennen könnte. Für die Zeitspanne einiger weniger Jahre bin ich ganz auf meinen Geist angewiesen und ich traue ihm nicht. Wo nur Wort ist, tendiert es dazu, sich von der Welt zu lösen. Ich mag das nicht, mag auch die Tatsache nicht, dass dennoch Erinnerungen aus dieser Zeit da sind, ausgefeilte Geschichten, an die ich mich nicht gerne erinnere, die ich noch weniger gerne schreiben werde. Und doch ist da etwas geschehen, ob wahr oder nicht, was mit dazu beitrug, dass sich eine Kluft auftat zwischen der Erde und dem Wort. Und was mich dazu bewog, mich auf die Seite des Wortes zu schlagen. Nicht gut, denke ich jetzt, das solltest du überdenken, neuschreiben, nimm jenen Jahren das Drama. Aber wie, ohne Bilder, in denen ich mich wiedererkennen könnte? Selbst wenn es Bilder wären, die den verschreckten Jungen mitten in der Nacht in der Tür des Schlafsaales zeigten - dem wäre Zuneigung abzugewinnen. Aber Worten?
am 05.02.2008
das finde ich sehr interessant- die unterscheidung von erinnerungen mit und ohne bildern.
wenn du diesen artikel *gelesen hast, dann weißt du, dass selbst bilder lügen, täuschen, verfälschen. alles ist subjektiv, jede deutung von gesehenem, erlebten, innerlich und äußerlich betrachteten, ja selbst gefühltem. es scheint nur wahre momente zu geben und dann auch mehr aus der jetzigen lage. so wie etwas vorbei ist, ist es quasi auch schon mit der wahrheit vorbei...überspitzt formuliert. und wozu dient das erinnern überhaupt- doch nur dem versuch sich wieder zu finden und für andere sichtbar zu machen, vielleicht etwas ordnung ins gfühlte chaos zu bringen und etwas zum festhalten zu haben. egal, was man sich und anderen erzählt, es kann alles der absicherung dienen und der hausbildung… der schaffung eines ortes, in dem man zu hause ist und von dem aus man in die welt hinausgehen kann, um schließlich immer wieder bei sich zu landen. egal, wieviele kilometer man zurück legt, man kommt immer wieder auf sich selbst zurück.
ich finde es spannend zu sehen, wie sich mit den kilometern bei dir sich auch die perspektiven ändern, wie du dein haus in der mitte von anderen seiten betrachten kannst und neues entdeckst.
der wert der papierbilder ist nicht größer als der wert aller ungeknipsten. die inneren bilder sind eingebrannter, die papierbilder sind nur eine scheinbare erinnerungshilfe. sie arbeiten wider dem heilenden vergessen.
* 28. Oktober 2006
FALSCHE ERINNERUNGEN
Das Leben - eine einzige Erfindung
Von Marion Rollin
http://mehrschichtig.twoday.net/stories/4344840/#4345244
Biggy am 05.02.2008 um 10:56
dass bilder (wie worte) lügen wie gedruckt - das habe ich nie in abrede gestellt. bilder sind (wie worte) zeichen, deren eindeutigstes erkennungsmerkmal die bereitschaft ist, sich in den dienst der lüge zu stellen (wobei ich hier “lüge” nicht moralisch schlecht verstanden wissen will - wenn, dann ist “wahrheit” eine moralisch ebenso (und erkenntnistheoretisch sowieso) zweifelhafte kategorie).
doch zu deinen einwürfen: ich verwende die fotos meines vaters in diesem beitrag als verbindung zur erde. im gegensatz zu einer “wörtlichen” erinnerung sind diese fotos für mich eine stärkere rückkoppelung an die erde und somit an meine gefühle. nur darum geht es.
dass die inneren bilder eingebrannter seien - dem widerspreche ich. das innere - egal ob worte oder bilder - sind den veränderungen durch den geist ebenso ausgesetzt wie die papierenen.
Markus am 05.02.2008 um 13:45
Es sind die Bilder, die die Wahrnehmung als authentisch intentifiziert, zu sich dazugehörend,,,
alle anderen bilder sind auswechselbar, sind vertauschbar, doch diese die in einem das zum ausdruck bringen, was aus dem herz über die Lippen in die Hand wächst, diese Bilder sind die Bilder, die ohne jede Vorstellung auskommen, die so klar sind, wie ein See, wie einen Garten in dem man spazieren kann. In der anderen, diese die gebrochen wurde, in unserer Erinnerung als Gemisch aus Einflüssen verspiegelt, diese sind anders, diese können kaum einen Fluss ergeben, die zur eignen Tonspur passt. die Synchronisation holpert....es ist eine Spalte über die man immerwieder von neuem eine Brücke schlagen muss.
am 05.02.2008 um 20:20
was aus dem Herz über die Lippen in die Hand wächst
Nach solchen Sätzen könnte ich süchtig werden…
Markus am 05.02.2008 um 20:23
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