Der Gebetsraum

Fünf Fenster sind in diesem Raum. Sie erzählen von der Liebe. Direkt aufs Glas geschrieben, liest es sich hier auf dem ersten Fenster von der Eltern-, auf dem zweiten von der Schwester- und Bruderliebe. Im mittleren wird bestätigt, dass auch die Begierde als Liebe gilt, und von Sexualorganen ist da unverblümt und schön die Rede; rechts davon von jenem Gefühl, das in der Freundschaft aufblüht. Unmittelbar daneben findet sich als letzte Strophe dieses Hohelieds jene Seltenheit, die keine Forderungen stellt.
Jedes Fenster bietet einen anderen Ausblick auf die Welt vor den Mauern. Weil das Fensterglas gefärbt ist, blickt man mal auf eine gelbe, mal auf eine grüne, ein ander mal auf eine rote oder blaue Freiheit. Viel ist darüber diskutiert worden, weshalb das letzte Fenster nicht einen glasklaren und ungetrübten Blick hinaus erlaubt.
Auch dieses Zimmer ist nicht umkämpft. Im Gegenteil: Eine hohe Durchlaufquote zeichnet es aus. Menschen kommen, verweilen kurz vor den Fenstern, eilen hinaus.
Es mag daran liegen, dass, wer von der Liebe liest, nicht länger warten will und sich unmittelbar auf die Suche nach einer ihrer Ausprägungen macht. Eine der Türen führt direkt in die winzige Schreibstube.
Wenn der Maurer nicht mit einem Eimer Mörtel in der Hand und einer Meute auf den Fersen unterwegs ist, führt ihn sein Weg immer wieder in dieses Zimmer. Dann verharrt er vor dem mittleren Fenster und blickt hinaus. Was sich seinem Auge bietet, ist heftig in seiner Wirkung auf des Handwerkers Gemüt, denn alsbald sieht man ihn hechelnd durch die Zimmer der Stadt hetzen. Ziellos und liebestoll.

am 25.10.2006

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