Der bedeutungslose Gott



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“Je grösser der Massstab - also je genauer die Karten den Ort abbildet
durch mehr Nähe -, umso ungenauer wird sie in der Zeit.”

Dieser Satz steht in Ursula T. Rossel Escalante Sánchez’ noch unveröffentlichtem Roman. Als ich ihn las, geriet ich ganz aus dem Häuschen, weil er sehr schön und präzise ein Problem nicht nur - wie mir später bewusst werden sollte - der Kartographie benennt. Seit der Lektüre dieses Satzes laufe ich nun unruhig und beunruhigt in der Gegend herum und irre zunehmend mich verlierend im Gewohnten umher.
Das Gewohnte ist eine Karte, die wir erstellen, um uns im Alltag zurechtzufinden. Sie ist sehr ungenau, eine unpräzise Darstellung unserer Umwelt, auf der weniger konkrete Anhaltspunkte als vielmehr vom Hörensagen Entlehntes verzeichnet ist. Wir füllen sie mit Bedeutungen, die sich aus unkontrollierten und unüberprüften Assoziationen zusammensetzen. Je genauer wir jedoch hinschauen, umso bedeutungsloser wird, was wir für bedeutend halten. Je genauer wir hinschauen, desto klarer entpuppt sich unsere Karte als Darstellung unserer Ideologie. Worin wir uns bewegen besteht nicht aus geographischen Koordinaten. Wir bewegen uns im Vagen.
Eine Grösse gibt es, die dieses Konstrukt vager Zeichen konstant von innen heraus bedroht. Ich nenne sie Gott. Gott als das Undefinierbare ist auch Gott als das Bedeutungslose (das Zeichen ohne Definition ist auch das Zeichen ohne gültige Interpretation und somit das Zeichen ohne Bedeutung, das Schwarze Loch im Zeichenuniversum). Je näher wir ihm kommen, umso mehr verlieren die übrigen Zeichen an Schärfe und das Vage unserer Existenz wird offenbar. Finden wir ihn, verlieren wir uns. Denn in seiner unmittelbaren Nähe gibt es keine Wertung, keine Bedeutung, keinen Inhalt, kein Zeichen mehr. Hierin liegt der wahre zerstörerische und als willkürlich erfahrene Charakter Gottes begründet. Das ist der Grund, weshalb es dem Menschen untersagt ist, Gott zu sehen. Kein Mensch, der Gott sieht, kann leben, heisst es in den Heiligen Schriften. Der Mensch braucht Bedeutung, um Leben zu können. Seine grösste Bedeutung aber ist sein Körper. Nimmt man ihm jede Bedeutung, nimmt man ihm seinen Körper.
(Kein Wunder stemmen sich die Religionen mit Dogmen und Lehren gegen diesen Gott, indem sie ihm Definitionen aneignen, mit der Absicht, ihn zu zähmen. Der grösste Kunstgriff der Christen bestand darin, Gott durch seinen Sohn einen Körper zu verleihen: der körperliche (menschliche) Gott braucht - wie jeder andere Mensch - Bedeutung. Durch Christus wurde Gott definierbar gemacht. Der Mystiker weiss, dass der Gläubige Gott nicht suchen darf. Deshalb rät er ihm unter anderem zur Nachahmung Christi.)
Hierüber einen Roman zu schreiben, über einen, der sich dem Rat der Mystiker widersetzt - dies schwebt mir vor. Aber das kann ich nicht tun, ohne selbst mich auf die Suche zu machen. Es ist ein suizidales Vorhaben, es sei denn, Gott erweist sich als etwas ganz anderes, als von mir vermutet. Dann hätte ich unwahrscheinliches Glück gehabt.

Heute finden in Brasilien regionale Wahlen statt. Es werden Stadtparlamente und Bürgermeister gewählt. Hat man sich während den letzten Monaten die staatlich verordnete Wahlwerbung am Fernsehen direkt nach den Nachrichtensendungen angeschaut (man kam kaum darum herum, denn sie wurden zeitgleich auf ALLEN Fernsehkanälen ausgestrahlt), hat man eine erste Ahnung davon bekommen können, welchen Horror Bedeutungslosigkeit verbreiten kann.

Mein Körper ist das einzige, was ich Gott entgegensetzen kann. Es ist das einzige, was Bedeutung hat, weil es hungert, dürstet, liebt. Der Eindruck, der Mensch sei Gott unterlegen, beruht auf einem trompe d’oeil: Wir messen unseren Geist mit dem Geist Gottes. Richtigerweise müssten wir unsere Natur mit der Natur Gottes messen und da böte sich ein drastisch anderes Bild.


am 05.10.2008

Der Körper ist ein hochsensibel organisiertes Gebilde, das sich der irdischen Wirklichkeit entgegen stellen muss.
In der Begegnung mit Gegenständlichkeit, setzt ein Prozess der Erkenntnis ein.
Sofern dieser sich erhebt auf eine spirituelle Ebene, gilt es die kindliche Natur der Hingabe in sich wieder zu entdecken.
Ich verstehe nicht ganz, wieso alle Welt sich messen will. Warum will der Mensch sich ständig erhöhen in dem er erniedrigt -
Es ist doch höchste Zeit zu erkennen, dass die Kräfte in ihrer Natur respektiert werden müssen.
Dieser Respekt sollte dann auch bitte gegenüber den Formen, die die Kräfte hervorbringen ausgeübt werden.
Nur wenn eine von Respekt geprägte Annäherung stattfindet, kann es gelingen, dem Wesen der Form auf die Spur zu kommen und sich seiner Gaben zu erfreuen.“Finden wir ihn, verlieren wir uns. Denn in seiner unmittelbaren Nähe gibt es keine Wertung, keine Bedeutung, keinen Inhalt, kein Zeichen mehr. Hierin liegt der wahre zerstörerische und als willkürlich erfahrene Charakter Gottes begründet.”

Diese Aussage ist ein Trugschluss.
Ich glaube, man müsste
sein bewusstes Ich (also jenes, das Tag ein Tag aus den Gesetzen der Erscheinungswelt ausgesetzt ist) ein Stück weit verlieren, die Kontrolle aufgeben, um sich zu öffnen.
Kapriziös könnte sich der menschliche Geist durch die überraschenden Bilder des Unbewussten bewegen, um das zu empfangen wonach Sie, wie oben angedeutet, suchen wollen. Die Sinnesorgane die sie für die Erscheinungswelt haben, braucht man dabei nicht.
Man kommt also gar nicht in die Verlegenheit ihn zu sehen, da die Wahrnehmung auf einer Ebene stattfindet, die über andere uns zur Verfügung stehende Organe läuft.
Das Problem ist, das derjenige Teil der Persönlichkeit anderen Gesetzmäßigkeiten gehorcht als das bewusste Ich.
Somit ist die eigentliche Kunst, die bewusste Suche, die Sehnsucht zu vergessen, sie in die unermesslichen Räume des Unbewussten zu entlassen, auf das sie dort ihre Wirkung entfalten können.
Warum sie das Geschenk des Lebens, Ihren Körper, Gott entgegensetzen wollen, warum Sie Ihren Geist an dem Geist Gottes messen wollen,
warum Sie Natur an Natur messen wollen erschließt sich mir nur in so fern sie den Zugang über das bewusste Erleben suchen -
Dennoch wäre doch wirklich jedes Ergebnis auf dieser Ebene eine Enttäuschung, oder ?
Was ich selbst entdeckt habe ist eine immense Freiheit und eine Kraft die diese ermöglicht…

dr. wahllos am 23.01.2009 um 20:39
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