Der 6. Lautsprecher

Schweigt. Vielleicht, weil er einsehen musste, dass selbst bei voller Lautstärke er bei jenem lieben Menschen, dem seine Nachricht gilt, nicht Gehör finden wird. Vielleicht ist der Sohn zu weit weg. Vielleicht in einer grossen Stadt, wo der Lärm all der anderen Lautsprecher (Musik, Sonderangebote, Durchsagen der Polizei) seine ganze Aufmerksamkeit verlangt: Heraushören, was wichtig ist, um sich in die angemessene Richtung bewegen zu lassen. Deshalb schreibt sie ihm einen Brief: Lieber Sohn.

[Briefträger sind Unglücksboten. Jeder Brief zeugt von Schrecklichem. Die Worte mögen hell und freundlich, liebevoll und voller Sehnsucht sein. Doch immer versteckt sich darin auch das Dunkle. Der Empfänger eines Briefes nimmt sich in der Regel sehr viel Zeit für die Lektüre. Er liest ihn wieder. Nochmals. Hat er auch alles richtig verstanden? Nichts übersehen? Briefe sind so selten geworden, es muss einen trifftigen Grund dafür geben, dass Mama mir schrieb. Im Gegensatz zum Lautsprecher, der munter weiterplaudert und sich einen Deut darum schert, ob auch alle seine Worte genau verstanden wurden, verstummt der Brief nach dem Abschiedsgruss. Das war ein kurzer Brief, mag der Sohn denken, und liest ihn also nochmals. Und schon findet er all die Sorgen, die er sich um seine Mutter machte, in zufälligen Wörtern bestätigt. “Wie geht es Dir, mein Sohn?” steht z.B. da. Er liest: “Wie geht es Dir, Mama?"]

Stichwort: Lieber Sohn

am 19.04.2007

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