Der 4. August, 1974. Ein Sonntag
Nach nur einer Woche seit der ersten Ausstrahlung, war Rádio Bangkok bereits in aller Munde. Das Regime eröffnete die Jagd auf den ilegalen Sender, nachdem die brasilianische Zensurbehörde offizielle Beschwerde eingereicht hatte. Sie fühlte sich übergangen. Doch nicht alle ranghohen Militärs unterstützten die Bemühungen. Was, fragte mancher, wollt ihr an diesen Sendungen denn zensurieren? Dieser Kerl spricht FÜR uns. Eine Stimme des Volkes, die HINTER uns steht! Was wollt ihr mehr?
Unfähig, einzugreifen, beschränkten sich die Zensoren darauf, die Piratensendungen aufzuzeichnen. Mehr konnten sie vorerst nicht tun.
Einige dieser Aufzeichnungen auf Tonbändern und Kassetten sind erhalten geblieben und wurden vor kurzem erst dank den Bemühungen verschiedener Arbeitsgruppen, die sich nach dem Ende der Militärherrschaft der Aufarbeitung von Brasiliens jüngster Vergangenheit widmen, endlich öffentlich zugänglich gemacht.
Man hat bis heute nicht herausgefunden, wer hinter Rádio Bangkok steckte. Mal vermutete man - seiner ausgebildeten, sonoren Stimme wegen - einen Schauspieler, mal einen eloquenten, vatikantreuen Priester, mal einen Künstler populärer Ausrichtung. Doch von Sendung zu Sendung mussten Annahmen über den Haufen geworfen und neue Verdächtige ins Visier genommen werden.
Berühmt geworden ist Rádio Bangkoks Sendung vom 8. August 1974, weil sie nicht nur dem Militärregime auf originellste Art und Weise das Wort sprach, sondern auch der Befreiungstheologie gehörig übers Maul fuhr.
Nachfolgend eine Zusammenfassung der Rede, die an besagtem Sonntag über den Äther ging:
“Verehrte Zuhörer, Sie hören die Stimme von Rádio Bangkok.
Es ist Sonntag, die Sonne scheint an diesem Tag Gottes, gepriesen sei der Allerhöchste dafür, wortgewaltiger Erschaffer der Erde. Gelobt sei auch seine Hand, die den Menschen aus eben dieser Erde hob.
Nehmen wir diesen Tag zum Anlass, über die Weisheit unseres Herrn zu staunen.
Ein Freund, Dichter und Schriftsteller, erzählte mir einst, wie er seine Geschichten schreibt. Da sei, erzählte er, zuerst die Idee, eine vage Vorstellung dessen, was er zu Papier bringen wolle. Auf die Idee folge ein Plan, in dem penibel festgelegt werde, was wann wem zuzustossen habe. Es werde darin bestimmt, wann die Geschichte spiele, wo sie sich zutrage, und welche Ereignisse die nötige Spannung erzeugen sollen. Mit sehr viel Liebe würden sodann die Figuren entwickelt und erschaffen, die sich am besten für die Umsetzung dieses Planes eigneten.
Dann erst begänne das Schreiben. Es träten auf der Senhor Sowieso und die Senhora Sowieso, manchmal auch eine Senhorita und das Unglück nähme seinen Lauf. Doch dann, das Unvorhergesehene: Der Senhor mag nicht, wie sein Schöpfer in seiner durchdachten Vorsehung es gewollt hatte, die Senhora fügt sich nicht dem Willen dessen, der die Feder ihres Lebens führt, und die Senhorita, temperamentvoll und voller Lebenslust, sieht nicht ein, weshalb sie dies oder jenes nicht tun oder lassen solle.
Ein Dilemma, erzählte mir mein Freund. Was tut man mit einer widerspenstigen Kreatur? Zwinge ich ihr das vorgesehene Schicksal auf, verweigert sie sich dem Text. Ich habe oft versucht, meinen Willen durchzusetzen und die Folge davon war ein miserabel geratener Text. Gebe ich dem Eigensinn meiner Figuren nach, muss ich meinen ganzen, wundervoll und bis ins Detail ausgearbeiteten Plan über Bord werfen. Auch das habe ich oft getan, und meine Schöpfungen machen lassen, ganz wie es ihnen beliebte. Und die Folge davon war ein wunderbar geratener Text.
Alles, sagen wir, habe der Herrgott in seiner geheimnisvollen Dreifaltigkeit wunderbar geplant und jeder seiner Kreaturen eine Rolle auf seiner grossen Bühne zugeteilt. Aber nicht immer wollen wir wie der Allmächtige. Wir haben unseren eigenen Kopf, unseren eigenen Willen.
Boxt er seinen Willen durch, versagen wir ihm unser Engagement. Oh seht, welch trauriges Stück da auf dem Welttheater gegeben wird! Seht, wie traurig die Darsteller aus den Augen schauen, während sie sich lachend in die Hosen machen! Bewerft sie mit Eiern und mit Tomaten!
Doch unser Herrgott in seiner unendlichen Weisheit weiss es besser und lässt uns machen und uns unsere eigene Geschichte schreiben. Der Allmächtige will, sagen die Befreiungstheologen, den Himmel auf Erden, das Jenseits im Dieseits. Sein Reich, predigen sie, komme sofort!
Stellt euch, liebe Zuhörer, die Welt vor, wie sie wäre, wenn sie wäre, wie der Allmächtige sie wollte.”
Am selben Tag noch klopften Geheimdienstler an die Türen von Schriftstellern und Poeten, beschlagnahmten ihre Schriften und liessen sich Listen von all ihren Freunden geben.