Der 1. Lautsprecher

Steht an der Strasse. Spielt Musik. Wenn ein Auto vorbeifährt, bläst er ihm den Marsch. Ist es ein Passant, der die Strasse überquert, pfeift er ihm nach. Damit er stehenbleibt? Damit er sich beeilt. Ein Auto kommt. Er bläst ihm einen hübschen Marsch. Dieser Lautsprecher steht an einer belebten Strasse. Er steht da, damit alles andere weitergeht. Nichts und niemand soll sich aufhalten. Schliesslich ist das hier eine Strasse. Die Funktion zumindest dieses Lautsprechers leitet sich von seiner Stellung ab. Am Abend wird er von der Strasse ins Haus geholt.

[Sind Schachteln ein typisch europäisches Phänomen (aufbewahren, horten, verstecken, Ordnung schaffen), findet man Lautsprecher vornehmlich in Südamerika, wo Schachteln ungern gesehen sind. Schachteln sind Krankheitsherde, Schimmelkulturen, inflationsanfällig. Lautsprecher und Schachteln sind Symbole unterschiedlicher Kulturen, eines unterschiedlichen Umgangs mit Sprache. Hiervon soll in dieser Reihe die Rede sein: Die Büchse der Pandora richtet weniger Schaden an, wenn sie geöffnet ist.]

Stichwort: Salutieren

am 30.03.2007

Die Beschreibung erinnert mich an die Piazza Barberini in Rom. Dort, inmitten des Verkehrs, der um den sonst geräumigen Platz sehr zuweilen sehr zäh fließt, stand oft ein Jemand mit Kopfhörer-Radio, der sich vor den Vorbeigehenden und Vorbeifahrenden respektlos verbeugte. Selbst in den Nachrichten wurde er einmal erwähnt, weil er sich respektlos an den vorbeifahrenden Berlusconi gewandt hätte. Ansonsten sind es die Touristen gewesen, denen er die Sicherungen ausschraubte. Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Mit dem Wedel in der Hand, der einem Medizinmann Ehre machte.

parallalie am 30.03.2007 um 17:03

schöne geschichte… starke figur.

am 30.03.2007 um 17:26

@parallalie:
mit geschichten über diese gestalten, die sich ungefragt an passanten wenden, könnte man ein büchlein füllen. ich erinnere mich an einen mann, der, als wir in einem städtchen tief im brasilianischen hinterland lebten, jeweils bei uns zu mittag ass. das volk nannte ihn “capão”, den kastrierten hahn. er war geisteskrank und dies wohl auch der grund, weshalb der eingriff vorgenommen worden war. dies hielt ihn aber nicht davon ab, jeder frau, der er auf der strasse begegnete, charmant und höflich den hof zu machen. erwischte es ihn besonders böse, bat er meinen vater um einen verlobungsring, damit er um ihre hand anhalten könne. sein geist mochte sich den beschränkungen seines körpers nicht beugen.
vielleicht war diese unbeugsamkeit der grund gewesen, weshalb man die krankheit bei ihm diagnostiziert hatte.

Markus am 31.03.2007 um 05:29
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