Den Tod vor Augen

Wo der Tod so sichtbar und gegenwärtig ist wie hier (in der Schweiz wusste ich von Ihm, sah Ihn aber nie, nicht einmal an der Beerdigung meiner Grossmutter), hat Er selbstverständlich einen Einfluss auf das Verhalten der Lebenden. Man fürchtet sich vor denen, die Ihn bringen; man meidet die Quartiere, in denen Er sich bevorzugt zu zeigen pflegt; man versucht, seine Reichtümer (so man denn welche besitzt) vor Ihm zu verstecken und so Seiner Aufmerksamkeit zu entgehen; man lässt sich und die seinen bewachen (insofern man im Besitz der dazu notwendigen Reichtümer ist) - und man bewegt sich dennoch; man wagt sich dennoch auf die Strasse; dennoch feiert man den Tag.
Somit lautet die erste Lektion, die aus der Allgegenwart des Todes zu ziehen ist:
Nicht der Tod - das Leben ist unausweichlich.

[Auch darüber muss in einer Novela zu schreiben sein. Denn nur mit dem Tod im Nacken erklären sich die riskanten Geschäfte, die leidenschaftlich leichtsinnigen Affären, aber auch die Intrigen und Machenschaften. Die Figuren holen so das Möglichste aus dem Tag heraus, der ihnen gegeben ist, und verleihen so der Novela erst die Würze, die sie braucht, um das Publikum zu fesseln: Es erkennt sich in ihnen wieder.]

am 05.01.2008

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