Den hundert andern aus seiner Feder gleich
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Gibt es einen Unterschied zwischen Gewalt in der Literatur und Gewalt im wirklichen Leben? Abgesehen davon, dass es weitaus vergnüglicher, und wenn nicht vergnüglicher, dann doch eindrücklicher und unvergesslicher ist, Gewalt aus der Hand eines guten Schriftstellers zu erfahren als aus der eines Journalisten, der einen Mord beschreibt, als wäre er den hundert anderen aus seiner Feder gleich? Ist es nicht so, dass in der Literatur sehr viel sorgfältiger gemordet wird als in den Tageszeitungen? Woran zum Teufel liegt das?
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Stirbt es sich in der Literatur anders als im wirklichen Leben? Und wenn ja, woran liegt das? Einzig und allein daran, dass ich vom Tod eines mir nahe stehenden Menschen in einem Roman mit aller Wahrscheinlichkeit nie etwas lesen werde, womöglich aber wohl auf der letzten Seite in den Kurzmeldungen eines Nachrichtenblattes?
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Seit Jahren hämmere ich in diese Tasten immer wieder die Behauptung, Wirklichkeit und Fiktion seien sich ähnlicher und verwandter, als gemeinhin angenommen wird. Fiktion wird als Erfundenes abgetan, Wirklichkeit als Gegebenes vorgehalten. Mittlerweile sollte doch längst bekannt sein, dass unser Begriff von Wirklichkeit von unserer Wahrnehmung abhängt. Unsere Wahrnehmung wiederum aber ist abhängig von Überzeugungen, Glaubenssätzen, Erfahrungen, Eingehämmertem. Seit Jahrzehnten erzählen uns Zeitungen und Fernsehen dieselbe Welt, in ihr zu sterben ist schrecklich, seht!
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Lebt man in der Schweiz, kommt, glaube ich, dieser Schrecken sehr gut an. Dort wird das Bild dessen, was wir Wirklichkeit nennen, derart unablässig repetiert, mit Regeln und Gesetzen aufgefüllt, so allgegenwärtig ist die herrschende Ordnung, dass es sehr schwierig ist, sich auf Schweizer Boden eine andere Wirklichkeit vorzustellen. Alternative Fiktionen bzw. Wirklichkeiten brauchen Freiheit.
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Seit ich in Rio lebe, hat die Frage nach den Beziehungen zwischen Fiktion und Wirklichkeit eine ganz andere Wichtigkeit angenommen. Wenn man in der Schweiz lebt, ist die Möglichkeit eines gewaltsamen Todes so gering, dass man kaum daran denkt. Gewalt hat in der Ordnung keinen Platz. Nachrichten von Messerstechereien in der Zürcher Langstrasse empfindet man wie Fremdkörper und ist, vielleicht darum, auch sehr schnell mit dem Verdacht zur Hand, es seien Fremde dafür verantwortlich. Wenn ich jetzt auf die Strasse trete, weiss ich nicht mit Gewissheit, ob ich wieder nach Hause kommen werde. Und das macht mir Angst. Weshalb?
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In der Literatur wird nie grundlos getötet, nie umsonst gestorben. Und wenn doch, dann, weil es die Geschichte notwendig macht. Auch in der Literatur bewirkt der Tod unsägliches Leid, manchmal trifft es sogar uns, die Leser, mitten ins Herz. Solange sich das alles aber zwischen Buchdeckeln abspielt, sind wir bereit, es hinzunehmen, manchmal ziehen wir sogar ein ästhetisches Vergnügen daraus. Stirbt es sich jedoch in unserem Umkreis, schreiben wir in die Todesanzeigen: „Viel zu früh“, „Völlig unerwartet”, „Opfer einer sinnlosen Tat“ etc.
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Wir wissen nicht mehr, wie es ist, wie in einem Roman zu leben. Haben keine Ahnung mehr, wie es ist, für eine Geschichte zu sterben. Isoliert betrachtet ist jeder Tod sinnlos. Betrachtet man ihn aber als notwendigen Teil eines hervorragenden Plots, stirbt es sich irgendwann mal wieder gern. Die Allgegenwart des Todes in Rio macht Fiktion zu einer Grundbedingung fürs Leben. Man passt seine Wahrnehmung jener Geschichte an, in der man seinen Part erfüllen will.
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Ich halte nichts von der weitverbreiteten Allergie auf alles, was Leid erzeugt. Das Leben soll nicht einfach sein. Einfache Leben ergeben langweilige Geschichten. Jeder, scheint’s, schreit heutzutage nach Langeweile.
am 19.03.2008
Zitat: Einfache Leben ergeben langweilige Geschichten.
Aber nicht jeder, der ein aufregendes Leben führt, vermag auch aufregende Geschichten zu schreiben. Nehmen wir zum Beispiel Emily Dickinson. Sie verbrachte ihr ganzes Leben in Amherst, vorwiegend sogar in ihrem Zimmer, und doch zählt sie auch heute noch zu den bedeutendsten amerikanischen Dichterinnen.
Ich denke, Dein Zitat ist zu „einfach“, beziehungsweise würde ich es folgendermassen abändern:
Langweilige Menschen verfassen langweilige Geschichten.
;-)
Margot S. Baumann am 19.03.2008 um 21:35
dazu zwei dinge, die man vorsichtig auseinanderhalten muss (es fällt mir selbst nicht immer so einfach, wenn ich fiktion und wirklichkeit nahezu als synonyme verwende, haha):
1. einfache bzw. langweilige leben taugen nicht für eine gute geschichte, es sei denn, es geschieht dann eine unvorhergesehene aufregung. das meinte ich. wer ein langweiliges leben führt, ist kaum in der lage, sein leben in einen aufregenden roman zu packen. dass ein autor, der ein langweiliges leben führt, ein aufregendes buch schreiben kann, bestreite ich nicht.
2. wobei (1.) natürlich von der wahrnehmung abhängt, die man vom eigenen leben hat. in der schweiz ist es durchaus möglich, ein aufregendes leben zu führen. es gibt da ganz sicher beispiele dafür. ich war nicht in der lage, in der schweiz mich der langeweile zu entziehen. meine wahrnehmung war da zu sehr eingeengt.
noch ein wort zum tod: der tod bringt jegliche ordnung durcheinander. vielleicht deshalb seine prominente rolle in der literatur. er bringt nicht nur etwas zu ende, sondern bricht auf. deshalb glaube ich auch, dass die art und weise, wie in der schweiz mit dem tod umgegangen wird, es nahezu unmöglich macht, sich selbst als part eines interessanten romans zu begreifen.
Markus am 19.03.2008 um 22:17
Ja, klar. Ich habe Dein Zitat einfach willkürlich aus dem Zusammenhang gerissen. Deshalb auch der ;-) unter dem Beitrag.
Realität und Fiktion liegen eng beieinander. Manchmal überholen sie sich sogar gegenseitig. Und wenn ich, oder Deine Leser, Dich mit Deinen Protagonisten verwechseln, würde ich diesen Umstand einfach als Kompliment ansehen.
Mir passiert das ständig. Wildfremde Menschen geben mir gute Ratschläge, weil sie denken, ich würde mein Leben verdichten. Im Grunde tut man dies ja auch. Niemand kann etwas schreiben, dass er sich nicht vorstellen kann. Und wenn man sich etwas vorstellen kann, dann kann es auch passieren.
Ich weiss nicht, ob es erstrebenswert ist, ein aufregendes Leben zu führen. Oder anders gesagt, denke ich nicht, dass dies vom jeweiligen Wohnort abhängig ist. Natürlich ist ein Leben im Libanon vermutlich aufregender, als eines im Emmental, aber in jedem dieser Leben gibt es so etwas wie Alltag. Und Alltag ist nun mal langweilig. Überspitzt gesagt, ein Mönch führt wahrscheinlich das eintönigste Leben überhaupt, ausser, er heisst William von Baskerville. ;-)
Wie geht man denn in der Schweiz mit dem Tod um? Das musst Du mir jetzt erklären. Gibt es denn eine Rangliste, welcher Tod der „bessere“ ist? Oder meinst Du damit, wie spektakulär ein Tod sein kann?
Natürlich ist ein literarischer Tod (kein guter Autor lässt seinen Protagonisten an Altersschwäche sterben) immer ein Bruch der Ordnung. Literatur will ja auch unterhalten. Und was unterhält mehr, als das Leid anderer, bzw. was ist endgültiger als der Tod? Denn nichts ist danach wie zuvor. Der ultimative Bruch einer jeden Geschichte ist also der Tod, aber doch nur für die Zurückgeblieben, denn nur die können davon erzählen. Fazit wäre also, dass jede Geschichte im Grunde sterbenslangweilig ist, weil jeder am Ende tot ist und es kein anderes Ende geben kann? Huch! *g
Margot S. Baumann am 19.03.2008 um 23:09
das ganze ist sehr viel komplexer und umfassender als es dieser beitrag eingestehen mag und wie du es ganz richtig siehst. und es ist wichtiger, als dass ich das jetzt einfach so damit bewenden lassen könnte.
du hast da einige punkte angeschnitten, über die ich mir gründlich den kopf zerbrechen muss. diese ganze fiktions- bzw. wirklichkeitstheorie steht literarisch hier ja erst ganz am anfang.
(aber ich werde in zukunft nur noch in den beiträgen dazu stellung nehmen, da ich mich ganz offensichtlich in kommentaren schlicht nicht zu der genauigkeit finde, die das thema erfordert.)
Markus am 19.03.2008 um 23:54
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