David und Jonathan. Relativiert.

Wir sind die Cherubim. Vor die Tore Edens sind wir gestellt.
Mit flammendem und hauendem Schwert wehrten wir den Ansturm von Adams Nachkommen ab, die auf die Geburtsstätte ihres Vaters Anspruch erhoben. Es waren viele. Wir hatten zu tun und mit Blut (nicht dem unseren) tränkten wir die Erde. Wir verbreiteten Furcht und Schrecken. Wer uns und Eden zu nahe kam, starb. Doch der Tod hat seinen Stachel verloren.
Daher verkleideten wir uns und erschienen den Menschen als liebliche Engel. Wir erzählten Geschichten, wir lenkten ab. Wir erwählten einzelne und gaben ihnen die Macht, Grosses zu tun. Aus David, dem Hirten und Lautenspieler, machten wir einen König. Ihr braucht das Paradies nicht, sagten wir damit, seid Mensch! Seht, was möglich ist! David war uns treu. Um uns immer in seiner Nähe zu haben, liess er die Bundeslade in die Hauptstadt bringen. Wir kauerten über den Steintafeln, verbargen unsere Gesichter unter unseren Flügeln und taten so, als sei’s uns egal. Doch innerlich jubelten wir. Unsere Wahl erwies sich als Volltreffer. David war einer unserer besten Schergen. Mit seinen Kriegen, seinen Affären und Familienproblemen lenkte er ab vom Paradies. Die Menschen redeten über ihn!
David. Ich erinnere mich kaum noch an ihn.
Das war der, über den sich das Volk wegen seiner Freundschaft mit Jonathan das Maul zerriss. Ein absolutes Highlight!
Heute sind diese Geschichten nichts besonderes mehr. Die Boulevardblätter sind voll davon. Eintagesgespräch.
Warst du das, der diese Zeitungen erfand? Keine schlechte Idee, dachten wir damals, doch der Stress, jeden Tag neue Gerüchte zu streuen, macht mich langsam fertig.
Wir brauchen eine neue Strategie, sagt ein Engel.

am 07.01.2007

Name:

Email:

URL:

Ihr Kommentar:

Cookie?

Benachrichtigen?

Geben Sie die untenstehende Zeichenfolge ein: