Bis zur Leichenblässe
„Sichverlieben durch blosses Hören ist in der persischen und arabischen Literatur sehr geläufig. Man braucht nur eine Königin geschildert zu hören – ihr Haar, das den Nächten des Getrenntseins und der Vertreibung gleicht, das Gesicht aber gleich dem Tag der Wonne, Brüste wie Elfenbeinkugeln, die den Monden Licht spenden, ein Gang, der die Antilopen beschämt und die Weidenbäume zur Verzweiflung bringt, gewichtige Hüften, die ihr verwehren, sich auf den Füssen zu halten, Füsse schmal wie Lanzenblätter – dies hören und sich bis zur Leichenblässe und bis zum Sterben verlieben ist eines der gängigen Motive in den Märchen von Tausendundeiner Nacht.“*
Sich bis zur Leichenblässe und bis zum Sterben verlieben in Worte.
Worte, die allergrössten Teile von ihnen, werden in Abwesenheit des Gegenstandes geäussert, auf den sie sich beziehen.
Worte wecken Vorstellungen, nicht den Gegenstand.
Worte weisen nie die Existenz des vorgestellten Gegenstandes nach.
Sichverlieben in ein Vorgestelltes.
Das haben Perser und Araber begriffen:
Das Geliebte ist immer auch Fiktion. Liebe nicht.
(Dieser Gedanke hat mich fasziniert: Dass es möglich ist, mit Worten echte Liebe zu wecken für eine Fiktion. Und dass diese Liebe so stark sein kann, dass man für die Schönheit der Worte zu sterben willens ist - oder nicht anders kann.)
[* Gefunden bei J.L.Borges, „Geschichte der Ewigkeit“, in: Gesammelte Werke. Der Essays zweiter Band, München Wien 2005, Fussnote Seite 17.]
[[Randnote: Seit bald zwanzig Jahren lese und lese ich Borges Erzählungen - vor allem diese -, hingerissen von der Genauigkeit seiner Sprache, die auf wenigen Seiten einen Stoff ausschöpfend ausarbeitet. Zu Erzählungen wie dem “Aleph”, “Das Sandbuch” oder “David Brodies Bericht” gibt es nichts hinzuzufügen - auch wenn sie den Geist und die Träume des Lesers über Jahrzehnte hinaus beschäftigen. Diese Faszination für und Verliebtheit in die Erzählungen hat mich lange über Borges Essays hinweglesen lassen: Sie erschöpfen einen Gegenstand niemals, auch wenn in ihnen dieselbe Sorgfalt und derselbe Erfindungsreichtum auf die Sprache angewandt wird. Erst jetzt habe ich verstanden, dass die Essays Stoffspeicher sind. Anrisse kunstvoller Erzählungen, oft nur in einem Nebensatz oder in einer Fussnote zur Sprache gebracht.]]
am 04.03.2007
ich denke, man verliebt sich schneller/ eher in denjenigen, der die worte so schön zu setzen und zu sprechen oder zu singen weiß, als in ein beschriebenes/ gezeichnetes bild.
allerdings kenne ich im bildhaften bereich auch momente, wo dies gelang, allerdings sind diese seltener.
sicher ist das ganze auch subjektiv geprägt, je nach ausrichtung.
und zum für- ein- kunstwerk- sterben- wollen- ich denke, menschen, die eine scheu vor direktem kontakt zu anderen haben (angeboren oder erworben) bzw. über keinerlei andere möglichkeit der kontaktaufnahme verfügen, ist das sehr gut nachvollziehbar.
mfg
biggy
Biggy am 04.03.2007 um 09:15
ich bin kein experte in persischer oder arabischer literatur, aber so wie ich den passus verstand:
- die worte, die von der königin erzählen, haben mit dem erzähler nichts zu tun. es geht um das erzählte. dieses ist so stark, dass man sich darin verliebt.
- das erzählte ist so stark, dass es - unabhängig von dem sozialen umfeld und den sozialen kompetenzen des zuhörers - ihn hinreisst. wie bei uns die liebe auf den ersten blick. er ist dem machtlos ausgeliefert.
- darin - und auf dieses spielte ich an - liegt immer die gefahr, sich in eine fiktion zu verlieben (als ob wir dies nicht ohnehin täten, auch wir, die westeuropäer, die sich vom anblick blenden lassen und meinen, was man sehe, sei realer als was man lese).
bevor ich meine frau kennenlernte, sah ich ein bild, das sie gemalt hatte. darin verliebte ich mich und so sehr, dass ich die künstlerin kennenlernen musste. das bild war eine fiktion, von ihr geschaffen. und sie wirkte.
so in etwa habe ich borges verstanden.
Markus am 04.03.2007 um 09:34
Ja, das sehe ich nicht anders. Eine schöne Lovestory. Ich verliebte mich inzwischen dreifach in Wortkünstler, einen davon habe ich geheiratet. ;)
Dauerhaft in ein Kunstwerk zu verlieben, kann ich mir zwar gut vorstellen, ich würde diese Liebe aber nicht mit der zu einem Menschen vergleichen. Sicher kommt es auf die Umstände an.
Nehmen wir einmal an, der Mensch befindet sich in einer misslichen, traurigen Lage- ihm fehlt es generell an menschlicher Wärme oder er kann mit direktem menschlichen Kontakt nicht viel anfangen, dann wäre das Kunstwerk (ob nun bildhaft oder verbalisiert) ein Ersatz und er könnte sein irdisches Leben dafür opfern, da er selber nicht am Dasein hängt. Im Jenseits verhaftet, gelingt ihm das auch leichter.
Ich sage nichts gegen die Romantisierung/ Magie, die von Kunstwerken ausgeht.
Biggy am 04.03.2007 um 10:11
es geht mir nicht um die liebe in ein kunstwerk, sondern in die vorstellung, die es erzeugt. der zuhörer verliebt sich nicht in die worte, die die königin beschreiben, sondern in die vorstellung der königin, die die worte in ihm erzeugen.
die gefahr dabei: vielleicht gibt es die königin nicht.
das schöne dabei: vielleicht gibt es sie tatsächlich, dann aber wird die wirkliche königin im ohr des geliebten immer überlagert sein von jener königin, von der er einst hörte. (so wie auch meine frau immer über- oder unterlagert ist von dem bild, das ich sah, bevor ich sie kennenlernte.) die/der geliebte ist - und das ist der einzige punkt auf den ich oben hinauswollte - ist immer vorgestelltes. die spannung zwischen geliebter und vorstellung von ihr wird immer da sein, erst recht wenn kunst diese liebe vermittelte.
und das ist gut so, denn so ist (auch) magie.
Markus am 04.03.2007 um 15:45
ich glaube eh, dass wir einen großteil oder sogar ausschließlich unsere vorstellungen vom anderen lieben.
mitunter wächst der jenige in die ihm zugedachte rolle hinein. besser scheint es zu sein, wenn vorstellung und erlebte realität nicht so weit auseinander fallen.
es gibt auch momente, wo ein partner darauf hinweist oder die vision von seiner persion hinterfragt- dann revidiert oder klärt sich ein bild. driftet es zu weit auseinander, fühlt der falsch bedachte sich nicht ernst genommen- meine erfahrung.
jetzt weiß ich, worauf du hinauswillst- die vision eines nie zuvor gesehenen menschen ist gefährlich… wenn man einem trugbild erliegt- das entweder von einem selbst oder vom künstler heraufbeschworen wurde. müsste man nicht in beiden fällen sagen: selber schuld?
Biggy am 04.03.2007 um 16:23
ja! (wobei es durchaus seinen reiz haben kann, in diesem sinne schuld auf sich zu laden. aber hier rede ich als schreibender - für eine geschichte reizvoll. als mensch sich in eine vorstellung zu verlieben - und das erst noch bis zur leichenblässe - muss grauenhaft sein.)
Markus am 04.03.2007 um 16:35
außerdem denke ich, wir brauchen auch unsere trugbilder, märchen, illusionen, um überleben zu können. gefährlich wird es nur, wenn man nur noch in ihnen leben will… und manch einer verhungert gar heutzutage an seiner pc- spiele-konsole… trugbilder, die alles andere ausschalten.
Biggy am 04.03.2007 um 18:07
für den, der ihnen nachlebt, sind sie realität. das gilt, denke ich, auch für die pc-spieler. “second life” heisst nicht umsonst so. die grenzen zwischen bild und abgebildetem sind nicht so scharf, wie wir sie gerne hätten. wir halten uns ständig im grenzgebiet auf und können nicht immer mit sicherheit sagen, auf welcher seite dieser feinen, unsichtbaren linie wir gerade stehen. (man könnte so weit gehen und sagen, dass die pc und konsolen spieler uns eines voraus haben: sie sind konsequent in dem was sie tun.)
Markus am 05.03.2007 um 04:59
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