Tote unter Lebenden: Benjamin Steins “Ein anderes Blau”

Ich habe Benjamins Stein kurzen Roman (er selbst nennt sein Buch „Prosa für 7 Stimmen") von gerade einmal 90 Seiten nun vier Mal gelesen. Es ist ein ungewöhnliches Buch, das eine wiederholte Lektüre notwendig macht, diese geradezu erzwingt – vorausgesetzt, man hat als Leser keine allzu dicke Haut. Über die ersten drei Leseerfahrungen möchte ich hier berichten.

Die erste Lektüre

In einer Großstadt bricht ein Bus durch die Straßendecke hindurch in einen U-Bahn-Tunnel. Mehrere Menschen sterben. Zwei von ihnen – ein Mann Mitte Dreißig und eine junge Frau – können erst nach Wochen geborgen werden. Unterdessen fristen die beiden eine Existenz in einem scheinbar zeitlosen Reich zwischen Leben und Tod, Träumen und Ahnungen, Tanz und Taumel. Sie finden sich wieder in der dünnen Wand zwischen zwei Wohnungen, einem leeren Raum zwischen zwei fremden Leben, in dem nur sie sich bewegen können. In Enge und mitunter in Furcht versuchen sie, sich noch einmal selbst in die Seele zu gehen und den Abschied hinauszuzögern, den Abschied von ihren Irrtümern und sorgsam verborgenen Gefühlen, liebevollen und erschreckenden Erinnerungen. Und wenn sie auch nicht umkehren können, verändert sich auf dem letzten Stück Wegs doch noch einmal ihr Leben und das der Menschen zu beiden Seiten der Wand – auf magische Weise und unbemerkt vom lebendigen Rest der sie umgebenden Welt.

So beginnt „Ein anderes Blau“. Es lohnt sich, diesen Vorspann sehr genau zu lesen – auch wenn es zunächst irritiert, vom Autor im Vornherein gesagt zu bekommen, worum es in seinem kleinen Werk gehen wird. Dieser Vorspann ist für das folgende Lesevergnügen von eminenter Wichtigkeit. Hier wird dem Leser offen gelegt, was er von der Lektüre erwarten, was er sich von ihr erhoffen darf. Es wird um Lebende und Tote gehen und um jenen Grenzbereich, in dem sich ihre Erfahrungswelten überschneiden. Mich machten diese wenigen Zeilen neugierig: Ich war begierig danach zu erfahren, wie der Autor dieses selbstgesetzte Thema verarbeiten würde.

Mit dieser Erwartungshaltung trat ich die Lektüre des ersten Buchteils an. Der ganze Roman ist aus Monologen zusammengesetzt, mal spricht Richard, mal Nina, mal Eva, mal Daniel, mal Nadia. Jeder beschreibt Szenen aus seinem Leben, beschreibt die Gedanken, die ihm durch den Kopf gehen. Es sind im Ton ruhige, meist sehr gefasste Beschreibungen. Nie wird der Text laut. Als ich das erste Kapitel las (ich kann mich sehr genau an diese Empfindung erinnern, die meine Lektüre begleitete), suchte ich nach Hinweisen auf das schreckliche Unglück, von dem im Vorspann die Rede ist. Egal, ob gerade Richard, Nina, Eva, Daniel oder Nadia sprach – bei jedem dachte ich: Diese Person ist eine der beiden Toten, deren Körper in den Trümmern gefangen liegen. Ich konnte mir durchaus vorstellen, dass eine tote Person so „weiterlebt“: noch hat sie nicht begriffen, dass sie tot ist, doch es ist bereits eine Distanz zum Leben da. Die Gedanken gehen weiter, aber der Körper greift nicht mehr ein. Es ist nur noch ein vorgestelltes Leben.

Der Versuch, die beiden Toten von Beginn an im Text identifizieren zu wollen, hat meine Lektüre des ersten Kapitels stark geprägt: Immer war ich auf der Suche nach Hinweisen, in allem sah ich eine Anspielung, eine Metapher, eine Analogie auf den Tod. Währenddessen atmete der Text ruhig weiter, führte mich von einer Stimme zur anderen. Ich gab nicht Acht, wer gerade sprach (ich verlor mich sehr bald, denn es gibt keinen Plot, keine Handlung, die sich leicht verfolgen und innerhalb derer sich den einzelnen Personen eine eindeutige Rolle zuweisen liesse). Hin und wieder tauchte ein Motiv (ein Klavier, ein Café, die Liebe) wieder auf – wer aber sprach gerade? Ich ahnte, dass die Leben dieser Menschen auf irgendeine Weise miteinander verbunden waren, dass sie sich – vielleicht nur am Rande und nur kurz – berührten, aber welche Bedeutung hatten diese Menschen füreinander?

Das erste Kapitel des Buches endet in Unsicherheit. Noch sind die Toten nicht identifiziert und es bleibt das eigenartige, beunruhigende Gefühl zurück, dass zwischen Lebenden und Toten kein Unterschied ist.

Die Unsicherheit, zumindest was die Identität der Toten betrifft, verschwindet im zweiten Teil des Buches. Aber die „Identifizierung der Leichen“ bringt keine Erlösung. Ich hatte gehofft, hiermit nun einen konkreten Anhaltspunkt erhalten zu haben, der die Lektüre erleichtert, nur um feststellen zu müssen, dass die Frage nach den Toten durch die Frage nach dem Tod und dem Danach abgelöst wird. Fast verzweifelt habe ich nach einer Entwicklung, nach einer Handlung gesucht, aber wenig Konkretes gefunden. Auch der dritte und letzte Teil des Buches – so empfand ich es – liess mich mit meinen Fragen allein. Der Schluss bringt kein Aufatmen (es fehlt das bei anderen Büchern so oft als beglückend empfundene „ENDE“ nach dem Schlusspunkt). Leicht verwirrt stellte ich fest, dass ich einfach weiteratmete.

Vielleicht lag es an meiner Suche nach der Antwort auf die oben angesprochenen Fragen, dass ich zwischen den einzelnen Stimmen keinen Unterschied in Stil, Rhythmus, Duktus erkannte. Das machte es schwierig zu unterscheiden, wer was erzählte. Die Stimmen überlagerten und vermengten sich und liessen mich am Ende der ersten Lektüre mit einem allzu verschwommenen Gesamteindruck zurück. Mit einer

Zweiten Lektüre

hoffte ich, mir etwas mehr Klarheit verschaffen zu können. Ich beschloss, den einzelnen Stimmen und Motiven nachzugehen. Diese Herangehensweise brachte ein interessantes Ergebnis hervor: Diverse Situationen werden aus dem Blickwinkel mehrerer Personen beschrieben, bspw. das Ritual im Café zwischen Eva und Richard (die ein Paar sind, dort aber immer so tun, als wären sie Fremde); die Busfahrt natürlich und das schreckliche Unglück (durch Richard und Nadia); die Verführung aus der Wand heraus (durch Nadia und Daniel); oder die Party des Schauspielers (durch Nina und Daniel). Dieselbe Szene, dasselbe Ereignis wird so von unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet aber von jeder Stimme in einem derart eigenen Kontext, dass ich als Leser immer das Gefühl hatte, die Welten der einzelnen Stimmen berührten sich nur am Rande. So spezifisch eigen werden die jeweiligen Perspektiven dargestellt, dass sich nie ein wirklich klares, „endgültiges“ Bild des Geschehens ergibt.

In meinen Augen ist dies eines der wichtigsten Verdienste dieses kleinen Buches: dass es dem Autor gelingt, die von uns als objektiv wahrgenommenen Wirklichkeit als je eine subjektive zu entlarven. Indem er uns in die Haut verschiedener Akteure versetzt, führt er uns vor Augen, wie subjektiv unsere Wahrnehmung ist. Als Leser komme ich in den „Genuss“, verschiedene Wirklichkeiten wahrnehmen zu können. Das Ergebnis ist verwirrend. Versuche, EINE Wirklichkeit aus diesen verschiedenen Wahrnehmungen zu rekonstruieren und zu einem einheitlichen Bild zusammenzusetzen, ergeben ein Puzzle, dem die Randteile fehlen.

Während der ersten Lektüre hatte ich den Eindruck gewonnen, die verschiedenen Stimmen sprächen eigentlich mit EINER, mit DERSELBEN Stimme. Die zweite Lektüre hatte mir jedoch Argumente entgegengehalten, die eigentlich gegen einen solchen Eindruck sprachen. Aber das Gefühl war noch immer da. Also entschloss ich mich zu einer

Dritten Lektüre

um dieser Frage nochmals nachzugehen. Auch beim dritten Lesen stellte ich eine Distanz zwischen Stimme und Erzähltem fest. Selbst da, wo die Stimme heftige, tief greifende Ereignisse wiedergibt. Wie in Ninas Bericht des fortgesetzten Missbrauchs, zum Beispiel,
oder in Daniels Erzählung vom SS-Grossvater, mit dem er seine Kindheit
über das Zimmer teilen musste, oder da wo die Liebe Richards zu seiner Schwester
Hannah erzählt wird. Nina bringt diesen Eindruck vielleicht am präzisesten auf den Punkt, als sie die Schauspieler beschreibt:

Ich glaube, wenn sie nicht gut genug gehört und gesehen werden, sind sie gar nicht da. Vielleicht kann man sie sogar ausschalten wie einen Fernseher.

Dieses Gefühl hat man auch als Leser: Die Stimmen beschreiben ihre Situation, ihr Problem sehr präzise, aber sie verstehen es nicht. Es ist, als schauten sie sich ihr Leben auf dem Bildschirm an, mal schauen sie hin, dann wieder weg.

Ohnehin: Es sind „unfertige“ Leben, sei es das der Lebenden oder das der Toten, von denen in diesem Buch erzählt wird. Den biblischen „Lebenssatten“ sucht man vergeblich. So ist dieses Buch denn auch keines, das tröstet.

Fazit

Hätte Benjamin Stein den kurzen Vorspann weggelassen: Läge ein anderes Buch vor mir? Ich bin überzeugt, dass ja. Ohne ihn hätte ich das Buch nicht gelesen, wäre ich über die ersten zehn Seiten nicht hinausgekommen.

„Ein anderes Blau“ von Benjamin Stein ist kein einfaches Buch. Zum einen sind da das Thema und seine Umsetzung, die alles andere als einfach zu verdauen sind. Antworten werden keine gegeben und wenn es einen Grund gibt, weshalb mich dieses Buch persönlich beunruhigt, dann ist es der, dass er Fragen nicht nur in Bezug auf den Tod aufwirft, sondern in erster Linie über das Leben. Ich habe mich in einigen Stimmen wiedergefunden, von Vielem könnte ich sagen, so oder ähnlich ist mir das auch schon durch den Kopf gegangen. Das Buch wirft mich auf mich zurück.

Zum anderen ist es ein ungemütliches Buch, weil es die eingespielten Lesegewohnheiten und –strategien unterläuft. Es bietet keine Handlung, an der man sich festhalten könnte, es belässt vieles im Unklaren. Will man sich diesem Buch wirklich nähern, muss man neu zu lesen lernen.

Das Buch „Ein anderes Blau“ von Benjamin Stein kann >>> hier kostenlos als PDF-Datei heruntergeladen werden. Jetzt, da Sie gewarnt sind, sei es Ihnen wärmstens empfohlen. Weitere Informationen zum Buch finden Sie auf Benjamin Steins Turmsegler.

am 28.05.2007

Deine Leseerfahrungen kommen mir sehr bekannt vor. Mir ging es ziemlich ähnlich. Und ich hatte beim ersten Lesen noch keinen Vorspann und die einzelnen Stimmen waren auch ohne Namen. Da war ein ständiges Rückblättern nötig.

ksklein am 28.05.2007 um 11:49

@ksklein:
Ohne Vorspann: Das kann ich mir gerade noch vorstellen. Aber ohne Namen? Das ist eine gewaltige Leistung, dass Du da durchgehalten hast!
Als Leser muss ich Dir dafür danken, dass Du auf den Änderungen bestanden hast - es wäre sonst ein Buch mit sieben Siegeln geblieben.

Markus am 29.05.2007 um 03:54

*lach
es hat monate gedauert, bis benjamin es in erwägung gezogen hat, eventuell die namen hinzuzufügen.

ksklein am 30.05.2007 um 06:24

Dann hätte ich von Benjamin aber gerne die Gründe für diesen massiven Widerstand gewusst… Er wird ja seine Gründe dafür gehabt haben, dass er die Namen nicht einfügen wollte. Die Frage ist wichtig, da sie den Text in seiner Struktur betrifft.

Markus am 30.05.2007 um 06:35

Da bin ich aber mal gespannt, was Benjamin schreiben wird. ;)

Aber ist es im Grunde nicht allgemein so, dass ein Schriftsteller sein Werk nicht ändern möchte? Das höre ich immer wieder, und vor allem das der Leser einfach zu blöd ist das Werk zu begreifen (B ist damit nicht gemeint). Das gefällt mir als Leser überhaupt gar nicht und nimmt mir die Lust das jeweilige Werk zu lesen.

ksklein am 30.05.2007 um 06:46

Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass für Benjamin einfach immer klar war wer welche Rolle im Buch hat.
Beim ersten Mal hat Benjamin mir den Roman vorgelesen. Da war das komischerweise gar kein Problem.

Erst als ich es selbst gelesen habe, musste ich ständig zurückblättern um mir Klarheit zu verschaffen. Das hat mich vom Lesen sehr abgelenkt.

ksklein am 30.05.2007 um 06:51

@ksklein:

Aber ist es im Grunde nicht allgemein so, dass ein Schriftsteller sein Werk nicht ändern möchte? Das höre ich immer wieder, und vor allem das der Leser einfach zu blöd ist das Werk zu begreifen.

Ich kann hierauf nur aus meiner Sicht antworten: Bei mir ist es genau umgekehrt. Ich zweifle immer dermassen an dem, was ich schreibe, dass ich dankbar bin für jeden Verbesserungsvorschlag (auch wenn Kritik mich im ersten Moment schon in meiner Eitelkeit verletzt...). Nicht der Leser ist zu blöd, sondern ich. Auch keine immer wirklich gesunde Einstellung… Und auch bei mir gibt es Fälle, in denen ich auf gewissen Punkten beharre, weil sonst die ganze Geschichte auseinanderfällt. Aber dann stellt sich meistens heraus, dass es nicht Einzelheiten sind, die nicht stimmen, sondern Grundlegenderes, manchmal sogar die ganze Geschichte. Dann ist es am besten, ich schreibe den ganzen Text neu. Kommt immer wieder vor :-)

Markus am 30.05.2007 um 07:00

Lacht jetzt nich: Aber mir kam das mit den Namen zu didaktisch vor! Ausserdem – und das ist wichtiger – verbinden sich mit Namen immer auch Vorstellungen. Drittens hatte ich die Überzeugung, dass ich aus Gründen der musikalischen Komposition einen fliessenden Text haben sollte. Ursprünglich waren nur zwei Punkte als Trenner zwischen den Stimmen geplant. Dann zwei Punkte plus einen grösseren Absatz. So wollte ich es dann eigentlich lassen.

Was Kritik und Zweifel angeht: Ich zweifle enorm, seit Jahren und noch immer. Dem steht allerdings eine wirklich unverbrüchliche Überzeugung entgegen, dass DIESES Buch nur so geschrieben werden konnte, wie es da vorliegt. Wie bei einem Gedicht. Es ist genau das, was ich machen WOLLTE (naja, mit den üblichen kleinen Einschränkungen). Die Zweifel gehen nun dahin, ob ich mich vielleicht irre, dass mein meist treffsicheres Gefühl als Autor, das ich bei fremden Texten habe, mich hier trügen könnte. Dass ich schlichte Fehler übersehen habe und dass eventuell die ganze Musik, die ganze Dichtung nur in mir stattfindet, weil der „Subtext“ in mir steckt.

Zu so vielen Passagen spüre ich heute noch die Atmosphäre des Moments, in dem sie entstanden oder von dem sie ihren Ausgang genommen haben. Meine Zweifel bestehen darin, ob womöglich der Text einen anderen Leser gar nicht so weit in sich hineinlässt, dass er verschlossen bleibt, nicht ankommt. Denn dann wäre alles – für diesen Text – verloren.

Die vornehmliche Reaktion, die ich bislang auf diesen Text erfahren habe, ist tiefes Schweigen. Er wurde schon belächelt (was mich wirklich aufregt!). Und er wurde mehrfach nicht verstanden, weil die Leser (Lektoren notabene) über die Seiten huschen. Und das geht hier nun einmal nicht.

Kritik wäre mir willkommen gewesen. Aber ich habe hier auch alle meine Möglichkeiten hineingelegt. Ich denke oft, für diesen Text wäre es nicht anders und nicht „besser“ gegangen. Er musste so sein.

Glücklicherweise ist meine liebe ksklein so hartnäckig gewesen, Namen und Vorspann doch „durchzusetzen“.

Für mich spielt die Frage, ob etwas schwierig, vielleicht „zu schwierig“ ist, keine Rolle. Ich habe alle meine Zugeständnisse im Alphabet aufgebraucht. Das sollte ein Publikumsroman sein und wurde dennoch wegen der Fülle an Figuren und Zeitsprüngen von manchem Leser als sehr schwierig empfunden. Ich muss da an ein Gedicht von mir denken: „jetzt soll ich dir neue töne erfinden / aber ich habe doch nur dieses eine lied …“ Es gibt Millionen von Büchern, für jeden Geschmack etwas. Deswegen will ich Bücher nur noch so schreiben, wie ich es für richtig halte. Es kann sein, dass sich dann kein oder zu wenig Publikum findet, um eine Veröffentlichung in einem Publikumsverlag zu erreichen. Aber bitte, wenigstens stecke dann ICH in diesem Text und kein 1000er Geklonter Creative-Writing-Absolvent.

Ich hoffe, das wirkt nicht arrogant. Denn so ist es nicht gemeint.

Benjamin Stein am 30.05.2007 um 07:57

Ich möchte jetzt erstmal zu einem Punkt Stellung beziehen (zu den anderen dann später):

Zu so vielen Passagen spüre ich heute noch die Atmosphäre des Moments, in dem sie entstanden oder von dem sie ihren Ausgang genommen haben. Meine Zweifel bestehen darin, ob womöglich der Text einen anderen Leser gar nicht so weit in sich hineinlässt, dass er verschlossen bleibt, nicht ankommt. Denn dann wäre alles – für diesen Text – verloren.

Beim “anderen Blau” ist - glaube ich - die Frage NICHT, wie weit der Text den Leser in sich hineinlässt, sondern wie nah der Leser den Text an sich heranlässt. Der Text IST nicht leicht, nicht nur nicht leicht zu lesen, sondern auch nicht leicht auf der Seele: er greift - so empfand ich es - tief hinein. Wer das nicht mag, der wird das Buch nicht verstehen. Das liegt aber nicht am Text.

Aber (und das entspricht vielleicht auch deinem Verständnis von Wirklichkeit): Jeder Leser, der sich auf den Text einlässt, wird darin die Atmosphären anderer Momente wiedererkennen als jene, die du beim Schreiben so intensiv empfunden hast. Dein “Anderes Blau” ist ein ganz anderes als mein “Anderes Blau”. Meine Seele reagiert anders auf die Stimmen als deine, die diese Stimmen hervorgebracht hat. Genau das finde ich aber so stark an diesem Text: dass er sich den Leser aneignet.

Markus am 30.05.2007 um 08:21

Dein “Anderes Blau” ist ein ganz anderes als mein “Anderes Blau”.

DAS ist ja auch völlig in Ordnung. Was mich wundert, dass es ein Problem sein soll, dass ein Buch zu nah an einen herantritt. Genau das will ich, Bücher, die mich packen, die mir in die Seele gehen!

Aber vielleicht sind Angst und Unbehagen des hier vorgestellten Lesers genau jene, die sehr viele Menschen bei der Vorstellung verspüren, sich einem Psychotherapeuten anzuvertrauen. WILL man es vielleicht lieber gar nicht so genau wissen?

Benjamin Stein am 30.05.2007 um 09:07

@Markus: Ein RSS-Feed für die Kommentare wäre auf diesem diskussionsreichen Blog schon ein Komfort…

Benjamin Stein am 30.05.2007 um 09:08

und ich frage mich oft, ob mir der text so gut gefällt, weil ich darin benjamin erkenne. alles und jeder der im text vorkommt erinnert mich an ihn - auch wenn der roman vor meiner zeit entstanden ist.
und ich habe ganz stark das gefühl, dass es SEIN text ist und konnte auch nie beurteilen, ob ich den text nur verstanden habe, weil ich ihn kenne.

@Markus: mir ist es lieber, ein künstler zweifelt an seinem werk. schliesslich ist das werk auch für den empfänger gemacht. und ich vermute wenn man manchmal zweifelt, kann man sich auch eher auf den leser/betrachter/etc. einlassen. das sind aber wirklich nur vermutungen.
und wenn man den ganzen text neu schreiben muss, dann wird das wohl schon so gut sein. ;)

ksklein am 30.05.2007 um 09:14

@benjamin:

Dein Wunsch sei mir Befehl:
http://hanginglydia.skypaperpress.com/index.php/site/rsscomments/

Markus am 30.05.2007 um 09:15

@Markus: Full Service, bist ein Schatz.

Benjamin Stein am 30.05.2007 um 09:16

@ksklein:
es stelle bei meiner arbeit immer zwei bewegungen fest, die gleichzeitig ablaufen: zum einen ist da der gedanke an den leser, für den der text gedacht ist. dabei baut man natürlich auf einer hypothese auf, man weiss ja nie, wer den text tatsächlich lesen wird. aber man entwirft sich einen “idealen” leser, eine “eingebildete” leserschaft mit diesen und jenen eigenschaften und mit dieser im blick schreibe ich dann.
zum anderen ist da der stoff, der sich zu beginn der arbeit meist unscharf präsentiert, so dass die arbeit am text einer aneignung des stoffes gleichkommt. sehr oft geschieht es mir, dass ich während dem schreiben feststelle, dass der stoff eine andere form verlangt als die, an der ich gerade schleife. das ist ein für mich - wenn auch aufwendiger - sehr schöner prozess, weil ich im vornherein sehr selten weiss, wohin er mich führen wird. was benjamin beschreibt, dass er beim “anderen blau” die form so deutlich vor augen hatte, das geschieht mir sehr selten.

@benjamin:
ich glaube, es gibt einen unterschied zwischen packenden büchern (im sinn von spannend, intellektuell anregend) und solchen, die mich mit unangenehmen fragen konfrontieren. letztere bedingen eine bereitschaft, zu arbeiten. am text, an sich. leser für erstere sorte bücher gibt es mehr.

am 30.05.2007 um 10:20

@Markus: Das ist mir nicht klar. Wieso konfrontiert der Text den Leser mit unangenehmen Fragen? Oder wäre die Beantwortung dieser Frage deshalb gerade schon unangenehm?

Benjamin Stein am 30.05.2007 um 11:32

@benjamin: ich kann mir vorstellen, dass die auseinandersetzung mit dem tod in dieser darstellerischen klarheit (der klare blick aufs leben auch, auf das “unfertige” wie ich schrieb) viele unangenehm berührt. für mich waren einige passagen wie ein spiegel, in dem ich mich selber sah. das ist mit ein grund, weshalb mich dieses buch umtreibt.

(ich wage hier eine vermutung: dass dieses buch einen religiösen leser voraussetzt. ich weiss, das ist ein gefährlicher begriff. ich meine damit nicht den “gläubigen”, sondern eher den suchenden, der den unbequemen fragen nicht aus dem weg geht. du bist darin “geübt” - auch das eine gewagte behauptung vielleicht.)

Markus am 30.05.2007 um 11:58

Oje! Meinst Du das wirklich? Von Religion ist doch dort nirgends die Rede!

Benjamin Stein am 30.05.2007 um 14:07

ich habe befürchtet, du verstehst das so! ;-)
nein, von religion ist nirgends die rede. was ich meinte, ist, dass leser, die sich persönlich auch mit religiösem befassen, vielleicht eher zugang zum text finden, eben weil sie aus der beschäftigung mit religiösem mit einem gewissen - wie soll ich sagen - schonungslosen blick vertraut sind.
die einblicke, die du in die leben deiner figuren gewährst, sind ja heftig: ein ss-grossvater, sexueller missbrauch etc. und das in einem so gewaltigen themenumfeld wie dem tod.
ich hoffe, ich habe mich jetzt ein bisschen klarer ausgedrückt. dein buch führt in (grau-)zonen hinein, in denen wir uns normalerweise nicht bewegen oder uns nicht gerne darin aufhalten. ich hatte als leser ab und zu das gefühl, nicht mehr mit meinen gewohnten lebensgewohnheiten und -strategien das dargestellte bewältigen zu können. das meinte ich mit “unangenehm”.

Markus am 30.05.2007 um 15:03

@Markus: ich bin kein leser, der sich persönlich besonders viel mit religiösem befasst ;), aber ich denke, du hast mit deiner vermutung recht.
das würde auch erklären, warum so viele leute probleme mit dem text haben.

ksklein am 30.05.2007 um 15:52

@topic: Die Besprechung des “anderen blau” ist Ihnen, Herr Hediger, sehr beeindruckend gelungen, wie ich finde.
Ich persönlich habe den Text bisher ein einziges Mal gelesen, zu dem Zeitpunkt, als er erschien und in der Reihenfolge, in der er erschien, also so wie er auch im pdf vorliegt. Bis auf eine Stimme (Nina) habe ich die Texte jeweils simultan gelesen und gehört. Das war für mich eine sehr große Bereicherung.
Ich hatte dank des “Klappentextes” und der Namen keine Schwierigkeiten im Verständnis und auch nicht mit den tiefgreifenden Fragestellungen und Themen, die aufgeworfen werden.
Für mich faszinierend ist die Art und Weise, auf die in den kurzen Passagen Charaktere geschaffen werden. Mich mit diesen Charakteren auseinanderzusetzen fand ich spannend und reizvoll.
Hat mich das Buch auch aufgrund dessen bereits mit dem zweiten Absatz, der zweiten Stimme, an Antunes´"Krokodile" erinnert, so wurde bald darauf doch etwas ganz eigenes, selbstständig Anderes daraus, das sich Stück für Stück verganzheitlichte. 
Dieses Durchdringungsgefühl, welches ich Tag für Tag beim Lesen/Hören verspürte, welches Bild für Bild zum Mobilé gestaltete, steht für mich ganz klar dafür, dass dieses Buch eben genau so sein sollte, wie es vorliegt, und auf seine Weise genau den Wünschen des Autors entspricht, wie dieser es hier etwas weiter oben auch beschreibt.
Daher möchte ich B.S. darin zustimmen: Ja, es gibt Leser für dieses Buch.

Ich hoffe, mit diesem Komentar ein feedback für Buch und Besprechung abgegeben zu haben. Meine zu langgewordenen Sätze darin bitte ich zu verzeihen.

Mit den besten Grüßen,
Winnie

am 31.05.2007 um 14:33
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