Auf den Schultern eines Riesen

Dein Gesicht ist der Grabstein deines Gehirns, hatte Myrtha auf einen Zettel geschrieben und diesen auf dem Küchentisch liegen lassen, als sie zur Arbeit ging.
Als sie am Abend nach Hause kam, meinte Tiller: “Sowas solltest du nicht schreiben. Nicht, ohne es in einen Kontext einzubetten.”
Myrtha hatte sich tatsächlich nichts dabei gedacht. Der Satz war ihr beim Frühstück eingefallen, zugefallen, aus dem Nichts, hinein in ihre morgendliche Unbekümmertheit, und sie hatte ihn schnell hingekritzelt, um ihn nicht zu verlieren, wie es ihr oft geschah, wenn sie nicht achtgab. Doch jetzt ging ihr Blick von Tillers Gesicht in die Wohnung, die voller Blumen war, seit er von seinen Schulter- und Nackenschmerzen geheilt worden war. Überall Blumen, weisse Blumen in weissen Vasen, Blumen neben dem Sofa, auf dem Couchtisch, dort wo früher der Fernseher stand, in der Küche auf dem Herd, auf dem Küchentisch natürlich und eine weisse Rose an der Tür zur Toilette. Eine Giesskanne im Flur. Myrtha verlor ihre Fassung nicht. Auch dann nicht, als ihr Blick auf die beiden Engel fiel, die - gestützt auf ihre Schwerter - auf Tillers Schultern standen. Der eine links, der andere rechts seinem Gesicht zugewandt.

am 31.01.2007

Zumal hat mich der erste Satz einige Tage beschäftigt. Als ich ihn das erste Mal las, war es ein denkwürdiger Satz, den man ausmalen konnte, fern des Textes, der dem folgt. Dann denkt man sich, dass es in der Tat immer so sein könnte, dass dieser Satz eine Art Folgerichtigkeit in sich verbirgt, die immer gilt. Aber das stimmt natürlich nicht, das macht man sich im Denken so zurecht.
Was will ich sagen? Dieser Text strahlt eine grosse Finesse aus, wie ein Musikstück folgerichtiger Töne und Colorierungen, denn dieser erste Satz birgt alle Komposition des Arrangements, die dem folgt.

Perkampus am 02.02.2007 um 23:25

Ich danke für das Kompliment, muss aber erklären, ein bisschen ausholen: dass der Titel eigentlich eine andere Geschichte erzählt und in der Spannung, die so zwischen Titel und Text entsteht, eine dritte liegt.
Das Weblog war für mich immer Experimentierkiste, ein kleines Chemielabor in Kofferformat in den Händen eines, der von Chemie nichts versteht aber ferne und sehr ungenau ahnt, was sich damit alles machen lässt. Manchmal habe ich Glück und es gelingt, eine Formel zu entwickeln, aus der dann eine Geschichte wird. Meistens klappt es nicht.
Den Eden-Texten liegt eine Idee zugrunde, die - wie der hier kommentierte Text deutlich macht - bereits Anpassungen und Veränderungen unterworfen wurde. Die Stoffe haben ihre je eigenen, spezifischen Formeln. Es geht darum, diese zu entdecken und dann ihnen nachzuschreiben.

Markus am 03.02.2007 um 05:49
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