Acker und Behandlungszimmer. Bio (5)

Dass meine Eltern nicht nur den Mund auftaten und das Wort Gottes predigten, sondern auch Hand anlegten und auch in ganz profanen Dingen der Bevölkerung halfen (mein Vater, indem er den Bauern half, ihre Kräfte zu bündeln und Genossenschaften zu gründen,

image


meine Mutter, indem sie kleinere Leiden behandelte - obwohl, ein Bild ist mir geblieben, das sich nicht unter den Dias meines Vaters befindet, das einer Frau, die sich mit einer vom Krebs völlig zerfressenen Brust bei uns einfand, ein anderes von einem Mann, dessen Gesicht von Lepra schon grässlich entstellt war

image


). Kam ein Bettler vorbei, war für ihn an unserem Tisch immer ein Platz frei.

Später, als ich in eine heftige Krise mit dem Glauben meiner Eltern geriet, waren die Erinnerungen an ihre Liebe zu den Einheimischen möglicherweise DER Grund, weshalb ich den Kontakt zu ihnen nicht ganz abbrach. Die Nähe zu den Brasilianern, die ich durch unsere Familie in den frühesten Jahren erlebte, ist möglicherweise auch DER Grund, weshalb ich heute wieder in diesem Land lebe.

image

Ich erlebte meine Eltern (und mich) in diesen Jahren glücklich. Die Menschen kamen oft auf ihren Eseln und Maultieren zur Behandlung und banden ihre Tiere an das Tor vor unserem Haus. Als ich gross genug war, aufs Tor und von dort auf die Tiere zu klettern, unternahm ich manchen unerlaubten Ausflug in das Städtchen. Wenn Vater am frühen Morgen auf die Felder zu den Bauern hinausging, begleitete ich ihn, um nach getaner Arbeit heimzukehren und gemeinsam zu frühstücken.
Später, als mein Vater in die Missionsleitung nach Belém berufen wurde und er vor allem Büroarbeit zu erledigen hatte, war diese Magie weg. Erst gegen Ende ihrer Tätigkeit, wenige Jahre vor ihrer Pensionierung, als sie wieder vermehrt im Landesinnern unterwegs waren (diesmal auf den Flüssen und in den Wäldern des Amazonas) blühten sie noch einmal auf. 

am 04.02.2008

irgendwie ist das hier inspirierend, auch mal eine art familienchronik zu erstellen. natürlich sind eure geschichten so viel anders- aber, wenn man es genau betrachtet, wäre es schön, wenn man etwas schriftlich reflektiertes- und wie du es machst- bebildertes von seinen ahnen lesen könnte. mündlich wird ja immer einiges weitergetragen, aber das verfremdet sich irgendwann immer mehr oder beleuchtet nichts daneben. und verschiedene sichtweisen der beteiligten personen zu ein und dem selben ereignis finde ich auch immer prickelnd.

stellen sich dir beim schreiben zwischendurch fragen, die du deinen eltern stellst?

Biggy am 04.02.2008 um 18:20

mündlich wird ja immer einiges weitergetragen, aber das verfremdet sich irgendwann immer mehr oder beleuchtet nichts daneben.

ein grund, weshalb ich die arbeit an diesen bildern aufgenommen habe, ist, dass ich den verdacht hege, es verhalte sich hier genau umgekehrt: dass nämlich die bilder das mündliche bzw. die erinnerungen verfälschen. fotos behaupten: da war mal was, es gab mal diesen moment, in dem dieses foto geschossen wurde, also muss es eine geschichte dazu geben. und das hirn liefert sie bereitwillig, klaubt das wenige, was es über jene zeit noch weiss, zusammen und erzählt dir was dazu. sind diese geschichten wahr? ja insofern, als sie mein selbstbild beeinflussen und bestimmen. ist es wichtig, ob zb meine eltern sich anders an die umstände, unter denen das bild entstand, erinnern? ja natürlich, denn es ist spannend zu beobachten, wie sich durch die korrektur angeblicher erinnerungen das, was ich für mein ICH halte, verändert. deshalb ist auch die antwort auf deine frage positiv: bevor ich im november nach brasilien zurückkehrte, verbrachte ich einige wochen bei meinen eltern und nutzte die zeit, eine menge fragen zu stellen und mir viele, viele geschichten anzuhören.
leider sind nur meine ersten sechs jahre so gut dokumentiert - danach ging’s ab ins internat, wo kein vater mit seiner kamera war. das macht die rekonstruktion der eigenen biographie schwierig, da ich ganz auf die eingebungen meines unzuverlässigen weil erfindungsreichen geistes angewiesen bin.

Markus am 05.02.2008 um 07:55
Seite 1 von 1

Name:

Email:

URL:

Ihr Kommentar:

Cookie?

Benachrichtigen?

Geben Sie die untenstehende Zeichenfolge ein: