21. Februar 2007. “Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen.”
"Manchmal wenn mich ein neugieriges Verlangen nach solchen abenteuerlichen Dingen anwandelte, habe ich den Reisenden beneidet, der solche Wunder mit andern Wundern in lebendiger alltäglicher Verbindung sucht. Aber auch er wird ein anderer Mensch. Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen, und die Gesinnungen ändern sich gewiss in einem Lande wo Elephanten und Tiger zu Hause sind.”
aus: J. W. von Goethe, “Wahlverwandtschaften”
Wann ich das letzte Mal in den Sternenhimmel blickte und dabei meine ganze Irrelevanz, meine Hilflosigkeit angesichts der Gewalt, die sich in einer Entfernung von Tausenden und Tausenden von Lichtjahren entfesselte, zu spüren bekam - ich muss noch Schüler gewesen sein, lag rücklings auf einem warmen Felsen im tiefen Inland Brasiliens. Gestern träumte ich diesen Himmel und wieder war das Gefühl, dieselbe Ohnmacht da.
Wenn ich gefragt werde, wie ich in Brasilien meinen Lebensunterhalt zu verdienen gedenke - ich habe Ideen, Pläne, Träume, trage ja Verantwortung für meine Familie. Aber immer beschleicht mich ein ungutes Gefühl, das sagt: Warte erst mal ab, bis du dort bist. Wie sollst du wissen, was du wollen wirst? Du wirst ein anderer sein. Eine ähnliche Ohnmacht befällt mich, wie wenn ich in den Nachthimmel schaute. Ich weiss nicht, wer ich sein werde. In einem anderen Land, in einer anderen Stadt, kann ich nicht derselbe sein. In Rio stehen Palmen.
* Hier zitiert nach: Peter von Matt, Das Wilde und die Ordnung, Hanser 2007, ein schönes wunderbar verführendes Buch.