Auf den Schultern eines Riesen
Dein Gesicht ist der Grabstein deines Gehirns, hatte Myrtha auf einen Zettel geschrieben und diesen auf dem Küchentisch liegen lassen, als sie zur Arbeit ging.
Als sie am Abend nach Hause kam, meinte Tiller: “Sowas solltest du nicht schreiben. Nicht, ohne es in einen Kontext einzubetten.”
Myrtha hatte sich tatsächlich nichts dabei gedacht. Der Satz war ihr beim Frühstück eingefallen, zugefallen, aus dem Nichts, hinein in ihre morgendliche Unbekümmertheit, und sie hatte ihn schnell hingekritzelt, um ihn nicht zu verlieren, wie es ihr oft geschah, wenn sie nicht achtgab. Doch jetzt ging ihr Blick von Tillers Gesicht in die Wohnung, die voller Blumen war, seit er von seinen Schulter- und Nackenschmerzen geheilt worden war. Überall Blumen, weisse Blumen in weissen Vasen, Blumen neben dem Sofa, auf dem Couchtisch, dort wo früher der Fernseher stand, in der Küche auf dem Herd, auf dem Küchentisch natürlich und eine weisse Rose an der Tür zur Toilette. Eine Giesskanne im Flur. Myrtha verlor ihre Fassung nicht. Auch dann nicht, als ihr Blick auf die beiden Engel fiel, die - gestützt auf ihre Schwerter - auf Tillers Schultern standen. Der eine links, der andere rechts seinem Gesicht zugewandt.


