Solche Dinge (4)
Inzwischen hat sich der Verkehr beruhigt, die Menschen sind zu Hause angekommen, die Wagen stehen in den Garagen und Väter und Mütter, von der Tagesarbeit müde, bereiten in den Küchen das Abendessen zu und schlichten den Streit zwischen ihren Kindern. Gelegentlich fährt noch ein Bus an der Kreuzung vorbei, an der Vinícius mit seinem Krämerwagen steht, und trägt Schwärmer in die Nacht hinein. Das Stadtzentrum mit seinen Nachtclubs und Bars, in denen junge Männer die Kunst der Anmache erlernen und junge Frauen die Lust der Auswahl erleben können, ist nicht weit. Vinícius beobachtet die Gesichter hinter den vorbeifahrenden, hell erleuchteten Fenster und erinnert sich an seine Frau. Dann ist der Bus auch schon vorbeigefahren und die Kreuzung wieder leer. Über seinem Kopf schaltet die Ampel ein letztes Mal um. Rot und Grün erlöschen und weichen für die restliche Nacht dem blinkenden Gelb. Käme jetzt ein Tourist daher, es böte sich ihm ein Bild, das er nicht zu stören wagte: an einer verlassenen Kreuzung ein alter Mann, mit der einen Hand auf einen wunderlichen Wagen gestützt, in dessen Innern ein kleines Lämpchen über tausend kleinen Dingen brennt. Mit der anderen Hand greift er sich an die Brust.
Vinícius’ Frau war keine wehleidige Frau gewesen. Nie hat sie über Schmerzen geklagt, weder über die heftigen Rückenschmerzen, die sie seit der Geburt ihres ersten Kindes plagten, noch über den Schmerz im linken Arm, als sie den Infarkt gehabt hatte. Auch auf der Intensivstation hat sie nicht gejammert, obwohl die Verletzungen zahlreich waren und jeder sehen konnte, dass sie litt. Geduldig hat sie alles ertragen, die vergeblichen Eingriffe der Ärzte, die hilflosen Gesten der Schwestern. Aber als sie kurz vor ihrem Tod die Augen schloss und es dunkel wurde hinter ihren Augen, schrie sie auf. Solche Dinge gehen Vinícius durch den Kopf, während er angestrengt etwas, irgendetwas in der Dunkelheit der gegenüberliegenden Strassenseite zu erkennen versucht.
Wetterfühlige Möbel
06:00:
Auch leblose Gegenstände sind wetterfühlig. Gestern - die Temperaturen waren über Nacht noch um ein zwei Grad weiter gefallen, war unseren Einrichtungsgegenständen deutlich anzumerken, dass ihnen nicht wohl war bei der Kälte. Gereizt standen sie in den Räumen herum und verbreiteten schlechte Laune. Wenn ich mal innehielt und tief durchatmete, konnte ich die Möbel maulen hören. Aus dem Schrank, in dem unsere Hausapotheke untergebracht ist, drang lautes Jammern. Am liebsten hätte ich in dem Moment alles Überflüssige aus der Wohnung geworfen, doch auch meiner Frau, die sich von ihrer Operation am letzten Donnerstag erholt, ging’s nicht gut. Bleich und lustlos lag sie auf dem Sofa. Nach dem Mittagessen war die Stimmung im Haus bereits bis zum Reissen gespannt. Ich spürte, wie die Stühle am Esstisch nur auf einen Anlass warteten, ihren angestauten Aggressionen freien Lauf zu lassen. Dann, so gegen 15 Uhr, geschah’s: Meine Frau war im Badezimmer und plötzlich hörte ich sie nach mir rufen. Sie kauerte auf der Kloschüssel und starrte hinein. Ich hörte es zischen und dachte erst, sie uriniere, doch dann sah ich, dass es Blut war, was da in einem kräftigen Strahl aus ihr herausschoss. Es gelang uns nicht, die Blutung zu stoppen, starke Schmerzen kamen hinzu, und so packte ich sie in dicke Tücher, trug sie ins Auto und fuhr zum glücklicherweise nicht fernen Hospital. Wie sich herausstellte, war die Naht aufgeplatzt. Zu allem Übel hatte sich ein Blutpropfen am Scheidenausgang gebildet, so dass das Blut sich dahinter staute und nur durch ein sehr kleines Loch hinausfand.
Als ich sie am Abend wieder nach Hause brachte, konnte sie des starken Blutverlusts wegen kaum noch aufrecht stehen, immer wieder sackte ihr in meinen Armen das Bewusstsein weg. Wenigstens hatten sich die Temperaturen etwas erholt, es regnete nicht mehr und die Möbel in unserer Wohnung boten - etwas versöhnt - Hand, wenn sie sich an ihnen abstützen musste.
Blick auf die Sterne (3)
Vinícius steht an der Kreuzung und blickt auf die Finsternis, die sich wie eine undurchdringliche Wand zwischen ihn und seine wohlverdiente Ruhe schiebt. Vielleicht, durchfährt es ihn da, ist der Tod keine zeitliche, sondern eine räumliche Grösse. Vielleicht ist er nicht etwas, das dich ereilt, wenn deine Zeit gekommen ist, sondern etwas, in das du hineingehst. Etwas, wohinein du dich verläufst, wenn du nicht achtgibst. An einer Kreuzung stellt sich dir der Tod in den Weg, und du, deinem gewohnten Schritt vertrauend, läufst direkt in ihn hinein. Der Mensch stirbt aus Gewohnheit und nicht, weil er für das Leben zu alt würde.
Sieht so der Tod aus? Er hat ihn sich anders vorgestellt, grell und schrill, wie die Intensivstation, auf der seine Frau starb. Sie war auf dem Heimweg vom Supermarkt angefahren worden und es hatte gedauert, bis Freunde Vinícius gefunden und zu seiner Frau gebracht hatten. Als er im Spital eintraf, lag sie bereits im Sterben, es reichte gerade noch für einen letzten Händedruck, dann schloss sie die Augen und schrie ein letztes Mal auf. Vinícius erinnert sich vor allem an die Hektik, die im weiss gekachelten Raum herrschte, an die nackten Glühbirnen, die von der Decke hingen, an die nervösen Rufe der Ärzte, an das hektische Treiben der Krankenschwestern und wie sie blutdurchtränkte Tücher und Verbände auf die Wunden seiner Frau pressten. Der Tod, war er von da an überzeugt, kommt nicht leise. Unüberhörbar und unübersehbar kündigt er sich an. Laut ereilte er seine Frau. Das da, was ihn da auf der anderen Strassenseite erwartet, sieht nicht wie der Tod aus. Und doch.
Vinícius richtet den Blick über die lichterlosen Häuserzeilen hinaus in den Himmel hinauf und sieht, was das Leuchten der Stadt sonst nie preisgibt. Vinícius sieht Sterne. Bislang kannte er sie nur aus der Astrologiesektion der Zeitung, die er täglich zum Frühstück liest. Und soviel hat er aus seiner Lektüre gelernt: Selten verheissen Sterne etwas Gutes.