“Das TamTam Grand Hotel”: The B-Side

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Endlich ist es da, das zweite Büchlein aus meiner Feder: “Das TamTam Grand Hotel”.
Viele der Themen, die in meinem ersten Buch “Krötenkarneval. Autobiographische Fiktionen” angerissen werden, werden im “TamTam” nochmals aufgegriffen, weiter- und zu einem Ende gedacht. Es ist, da als Erzählung konstruiert, wahrscheinlich unterhaltsamer als der “Krötenkarneval”, aber ebenso rigoros persönlich wie ersteres. Da “Krötenkarneval” sozusagen als Nebenprodukt der Arbeiten am “TamTam” entstand, und das “TamTam” auf den theoretischen und persönlichen Grundlagen des “Krötenkarnevals” aufbaut, lege ich den Lesern die Lektüre beider Bücher ans Herz. Erst durch das zweite erschliesst sich die volle Bedeutung des ersten. In meinen Augen gehören die beiden Bücher zusammen.

Die Einheit der beiden Bücher ist auch durch das Lektorat gegeben, das in beiden Fällen Benjamin Stein vorgenommen hat. Unerbittlich hat er darauf bestanden, mich nur mit dem besten zufrieden zu geben und hat mit unerschütterlich auf Verbesserungen gepocht, wenn ich selbst der Überarbeitungen längst müde war.
Ebenfalls aus derselben Hand stammen die Gesichter der beiden Bücher. Kerstin Klein hat wie schon für den"Krötenkarneval" auch fürs “TamTam” das passende Cover angefertigt und ich kann ihr nicht genügend dafür danken.
Ein besonderer Dank geht auch an den Herausgeber Hartmut Abendschein, der seinen Verlag für die Publikation dieses Büchleins zur Verfügung stellte. Wieder einmal ist mir klar geworden, dass ein Buch in erster Linie ein Gemeinschaftsprodukt ist und die Bedeutung des Namens auf dem Cover völlig überschätzt wird.

Diese beiden Büchlein werden für unabsehbare Zeit das letzte sein, was Sie von mir werden lesen können. Lebensumstände und Schwerpunktverlagerungen zwingen mich, meine Online-Aktivitäten auszusetzen und all meine Energien darauf zu verwenden, offline einiges zu bewegen. Schreiben werde ich weiter, aber eben vorläufig nur noch auf Papier.

Bestellen können Sie das ”TamTam Grand Hotel” entweder >>> hier oder >>> hier.
Den ”Krötenkarneval” bestellen Sie am besten >>> hier.


Markus A. Hediger am 03.11.2008
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Heiligenbilder



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“Santinhos”, kleine Heilige also, werden sie genannt, die visitenkartengrossen Papierchen mit Foto, Namen und Wahlnummer der Kandidaten, die vor den Wahllokalen verteilt werden. Angesichts der zahllosen Kandidaten, die sich um die wenigen zur Disposition stehenden Gemeinderatssitze prügeln (hier in Rio waren es über 1200 für 50 zu besetzende Sitze), ist es unmöglich, sich im Vorfeld der Wahlen ein fundiertes Bild aller Kandidaten zu machen. Man hat sie schon vor den Wahlen gesehen, auf Autoaufklebern und auf Fahnen, die am Strassenrand von verdungenen Gehilfen geschwungen werden. Aber es sind viele. Wie soll man sich da ein ganz bestimmtes Lächeln mit der dazugehörigen fünfstelligen Zahl merken? Da soll das Fernsehen Abhilfe beziehungsweise Klarheit schaffen, sagt der Staat und verordnet und berappt Wahlwerbung auf allen Kanälen: Fünf Sekunden für jeden Kandidaten, direkt nach der Tagesschau. Fünf Sekunden reichen für einen Satz, ein Gesicht folgt in diesem Rhythmus auf das andere, zwölf pro Minute, und jedes verspricht dem Wähler dasselbe Heil, ein besseres Rio. Da ist keine Zeit, um auf die gegen dieses Gesicht laufenden Gerichtsverfahren einzugehen, auch Jesus brach mitunter die Regeln und endete dafür am Kreuz. Um das zu verhindern, will jeder gewählt werden, denn als Gemeinderat bieten sich einem zahllose Möglichkeiten, sich das eigene Heil zu erkaufen.
Die Heiligenbilder sind also die letzte Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen. Wie Konfetti werden sie vor den Wahllokalen ausgeschüttet. Es ist ein grosses, religiös anmutendes Fest. In einem Land, in dem Staat und Kirche offiziell getrennt sind, ist diese Praxis offiziell natürlich verboten. Aber wer wagt es schon, sich in diesem Land gegen die noch immer übermächtige Kirche aufzulehnen? Gott sei Dank besitze ich das hiesige Wahlrecht nicht. Wie könnte ich, im Wissen darum, dass die Politik jeden korrumpiert, guten Gewissens einem Heiligen meine Stimme geben? 

katalog der identitäten |
Markus A. Hediger am 07.10.2008
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Der bedeutungslose Gott



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06:59:

“Je grösser der Massstab - also je genauer die Karten den Ort abbildet
durch mehr Nähe -, umso ungenauer wird sie in der Zeit.”

Dieser Satz steht in Ursula T. Rossel Escalante Sánchez’ noch unveröffentlichtem Roman. Als ich ihn las, geriet ich ganz aus dem Häuschen, weil er sehr schön und präzise ein Problem nicht nur - wie mir später bewusst werden sollte - der Kartographie benennt. Seit der Lektüre dieses Satzes laufe ich nun unruhig und beunruhigt in der Gegend herum und irre zunehmend mich verlierend im Gewohnten umher.
Das Gewohnte ist eine Karte, die wir erstellen, um uns im Alltag zurechtzufinden. Sie ist sehr ungenau, eine unpräzise Darstellung unserer Umwelt, auf der weniger konkrete Anhaltspunkte als vielmehr vom Hörensagen Entlehntes verzeichnet ist. Wir füllen sie mit Bedeutungen, die sich aus unkontrollierten und unüberprüften Assoziationen zusammensetzen. Je genauer wir jedoch hinschauen, umso bedeutungsloser wird, was wir für bedeutend halten. Je genauer wir hinschauen, desto klarer entpuppt sich unsere Karte als Darstellung unserer Ideologie. Worin wir uns bewegen besteht nicht aus geographischen Koordinaten. Wir bewegen uns im Vagen.
Eine Grösse gibt es, die dieses Konstrukt vager Zeichen konstant von innen heraus bedroht. Ich nenne sie Gott. Gott als das Undefinierbare ist auch Gott als das Bedeutungslose (das Zeichen ohne Definition ist auch das Zeichen ohne gültige Interpretation und somit das Zeichen ohne Bedeutung, das Schwarze Loch im Zeichenuniversum). Je näher wir ihm kommen, umso mehr verlieren die übrigen Zeichen an Schärfe und das Vage unserer Existenz wird offenbar. Finden wir ihn, verlieren wir uns. Denn in seiner unmittelbaren Nähe gibt es keine Wertung, keine Bedeutung, keinen Inhalt, kein Zeichen mehr. Hierin liegt der wahre zerstörerische und als willkürlich erfahrene Charakter Gottes begründet. Das ist der Grund, weshalb es dem Menschen untersagt ist, Gott zu sehen. Kein Mensch, der Gott sieht, kann leben, heisst es in den Heiligen Schriften. Der Mensch braucht Bedeutung, um Leben zu können. Seine grösste Bedeutung aber ist sein Körper. Nimmt man ihm jede Bedeutung, nimmt man ihm seinen Körper.
(Kein Wunder stemmen sich die Religionen mit Dogmen und Lehren gegen diesen Gott, indem sie ihm Definitionen aneignen, mit der Absicht, ihn zu zähmen. Der grösste Kunstgriff der Christen bestand darin, Gott durch seinen Sohn einen Körper zu verleihen: der körperliche (menschliche) Gott braucht - wie jeder andere Mensch - Bedeutung. Durch Christus wurde Gott definierbar gemacht. Der Mystiker weiss, dass der Gläubige Gott nicht suchen darf. Deshalb rät er ihm unter anderem zur Nachahmung Christi.)
Hierüber einen Roman zu schreiben, über einen, der sich dem Rat der Mystiker widersetzt - dies schwebt mir vor. Aber das kann ich nicht tun, ohne selbst mich auf die Suche zu machen. Es ist ein suizidales Vorhaben, es sei denn, Gott erweist sich als etwas ganz anderes, als von mir vermutet. Dann hätte ich unwahrscheinliches Glück gehabt.

Heute finden in Brasilien regionale Wahlen statt. Es werden Stadtparlamente und Bürgermeister gewählt. Hat man sich während den letzten Monaten die staatlich verordnete Wahlwerbung am Fernsehen direkt nach den Nachrichtensendungen angeschaut (man kam kaum darum herum, denn sie wurden zeitgleich auf ALLEN Fernsehkanälen ausgestrahlt), hat man eine erste Ahnung davon bekommen können, welchen Horror Bedeutungslosigkeit verbreiten kann.

Mein Körper ist das einzige, was ich Gott entgegensetzen kann. Es ist das einzige, was Bedeutung hat, weil es hungert, dürstet, liebt. Der Eindruck, der Mensch sei Gott unterlegen, beruht auf einem trompe d’oeil: Wir messen unseren Geist mit dem Geist Gottes. Richtigerweise müssten wir unsere Natur mit der Natur Gottes messen und da böte sich ein drastisch anderes Bild.


tempo / tempo |
Markus A. Hediger am 05.10.2008
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