Das Buch, kräftig an die Wand geworfen



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Heute, beim frühmorgendlichen Schreiben, verspürte ich den Drang, einen Roman zu verfassen, in dem so viel von mir drinsteckt, dass es ausreichen würde, das Buch einmal kräftig an die Wand zu werfen, um mich umzubringen.
Der Drang hält an.


d'accord |
Markus A. Hediger am 21.09.2008
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Wenn das alles ist (Ende)



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Wenn ein Bus über die Kreuzung gefahren und es wieder still geworden ist, lauscht Vinícius hinüber in die lichterlose Nacht. Wenn schon nichts zu sehen ist, es müsste doch zumindest etwas zu hören sein, denkt er. Leben verursacht Lärm, das weiss er nur zu gut, seit er das erste Mal Vater wurde. Leben ist keine leise Sache. In der Dunkelheit da drüben halten sich Menschen auf. Sie leben da, es müsste doch was von ihnen zu hören sein. Aber so angestrengt er auch hinhorcht – es dringt nichts, nicht das geringste Geräusch an seine Ohren.

Möglicherweise, denkt er jetzt, bin ich der einzige, der diese Dunkelheit sieht. Möglicherweise ist diese Finsternis dieselbe, die meine Frau sah, als sie die Augen schloss. Vielleicht ist so der Tod: ein dunkler, stiller Raum, der sich in unseren Augen auftut und die Welt daraus verdrängt.

Da steht Vinícius also noch immer an derselben Kreuzung, während über seinem Kopf gelb eine Ampel blinkt. Nun kommen auch keine Busse mehr vorbei, wer noch nicht nach Hause zurückgekehrt ist, wird die letzten Stunden der Nacht auf einer Parkbank verbringen oder auf den Stufen des Regierungspalastes, schlafen lässt sich’s schliesslich nicht nur im eigenen Bett. Still ist es jetzt nicht nur auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Still ist es jetzt trotz der Lichter auch da, wo Vinícius steht. Über seinem Kopf blinkt die Ampel, zu seiner Linken und zu seiner Rechten erstreckt sich eine Lichterzeile von Strassenlampen und demarkiert so die Grenze zwischen der dunklen und der schlafenden Stadt. Wenn das alles ist, was den Unterschied ausmacht, Lichter, die hier brennen, dort aber nicht – wartet dort etwa seine Frau auf ihn?

Vinícius beschliesst, auf Nummer sicher zu gehen. Vorsichtig trennt er die kleine Glühbirne im Wageninnern von der Batterie, setzt sich unter der blinkenden Ampel neben seinen nun ebenfalls dunklen Laden aufs Trottoir und wartet geduldig auf den Sonnenaufgang. 


finis terrae |
Markus A. Hediger am 21.09.2008
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Kangerlussuaq ist nicht, was es scheint



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Kangerlussuaq ist, gemäss Wikipedia, ein kleines Kaff in Grönland mit ca. 600 Einwohnern. Aus der Luft sieht es aus wie ein Armeestützpunkt. Da reiht sich in Glied Baracke an Baracke wie dreckige Striche in einer weissen Wüste. So scheint’s zumindest auf den ersten Blick.
Ursula T. Rossel Escalante Sánchez sieht das etwas anders. Vom Schreibtisch ihres Postamtes in Ultima Thule und auf ihren Expeditionen ins grönländische Eis richtet sie ihr Augenmerk immer wieder auf das Offensichtliche - und sieht, was anderen verborgen ist.

Magie - das ist, was sie mir beibrachte - eine Frage des genauen (nicht des bösen) Blicks. Und wer genau hinschaut, dem zerfällt gelegentlich die Wirklichkeit auf der Netzhaut. Altbekanntes wird fremd, Undenkbares möglich, und Dinge, die bislang nur rapportierten, werden plötzlich selbst zum Gegenstand des Rapports.

Ich hatte mir eine Reihe von Notizen herausgeschrieben, die Frau U.T.R.E.S. auf ihrem Weblog veröffentlicht hat und die mir als besonders empfehlenswert erschienen. Die Liste wurde lang. Ich bin kein Freund von Listen, deshalb sei hier an ihrer Stelle ein langer Besuch (der garantiert nachdenklich machen, manchmal auch besinnlich stimmen, ein ander mal dem Leser auch das Fürchten lehren wird) ihres Weblogs empfohlen. Der Leser nutze ihre Notizen als Einstimmung auf den Roman, der - so die Götter wollen - in wenigen Monaten erhältlich sein wird. Ich durfte bereits hineinlesen und lernte schnell, Frau U.T.R.E.S. Buch auf dem Kopf stehend zu lesen. Es ist dies die einzige Möglichkeit, die Lektüre zu überleben. Tut man es nicht, steht nach der Lektüre die Welt Kopf. Man beuge also vor und übe.


res publica litteraria |
Markus A. Hediger am 20.09.2008
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