Maskerade
Nicht nackt wird der Mensch erkannt, sondern in den Verkleidungen, die er wählt. Ein Roman, der mich schonungslos aufdeckte, dürfte also nicht von mir erzählen, sondern von dem, was mir fremd ist. Von Vertrautem dürfte nicht die Rede sein, denn das, womit ich mich täglich umgebe - darin lässt sich’s gut verstecken. In der Fremde, so meine Erfahrung, gebe ich mir die ärgsten Blössen. Dort, wo ich, um zu Überleben, Zuflucht in der Maskerade suche.
Das Buch, kräftig an die Wand geworfen
Heute, beim frühmorgendlichen Schreiben, verspürte ich den Drang, einen Roman zu verfassen, in dem so viel von mir drinsteckt, dass es ausreichen würde, das Buch einmal kräftig an die Wand zu werfen, um mich umzubringen.
Der Drang hält an.
Wenn das alles ist (Ende)
Wenn ein Bus über die Kreuzung gefahren und es wieder still geworden ist, lauscht Vinícius hinüber in die lichterlose Nacht. Wenn schon nichts zu sehen ist, es müsste doch zumindest etwas zu hören sein, denkt er. Leben verursacht Lärm, das weiss er nur zu gut, seit er das erste Mal Vater wurde. Leben ist keine leise Sache. In der Dunkelheit da drüben halten sich Menschen auf. Sie leben da, es müsste doch was von ihnen zu hören sein. Aber so angestrengt er auch hinhorcht – es dringt nichts, nicht das geringste Geräusch an seine Ohren.
Möglicherweise, denkt er jetzt, bin ich der einzige, der diese Dunkelheit sieht. Möglicherweise ist diese Finsternis dieselbe, die meine Frau sah, als sie die Augen schloss. Vielleicht ist so der Tod: ein dunkler, stiller Raum, der sich in unseren Augen auftut und die Welt daraus verdrängt.
Da steht Vinícius also noch immer an derselben Kreuzung, während über seinem Kopf gelb eine Ampel blinkt. Nun kommen auch keine Busse mehr vorbei, wer noch nicht nach Hause zurückgekehrt ist, wird die letzten Stunden der Nacht auf einer Parkbank verbringen oder auf den Stufen des Regierungspalastes, schlafen lässt sich’s schliesslich nicht nur im eigenen Bett. Still ist es jetzt nicht nur auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Still ist es jetzt trotz der Lichter auch da, wo Vinícius steht. Über seinem Kopf blinkt die Ampel, zu seiner Linken und zu seiner Rechten erstreckt sich eine Lichterzeile von Strassenlampen und demarkiert so die Grenze zwischen der dunklen und der schlafenden Stadt. Wenn das alles ist, was den Unterschied ausmacht, Lichter, die hier brennen, dort aber nicht – wartet dort etwa seine Frau auf ihn?
Vinícius beschliesst, auf Nummer sicher zu gehen. Vorsichtig trennt er die kleine Glühbirne im Wageninnern von der Batterie, setzt sich unter der blinkenden Ampel neben seinen nun ebenfalls dunklen Laden aufs Trottoir und wartet geduldig auf den Sonnenaufgang.